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NÜRNBERG – Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn die Ankündigung der Nachspielzeit ein kollektives Stöhnen, Zagen, Zittern und Schnaufen auslöst. Drei Minuten sollten es am Sonntagnachmittag sein, dem Publikum im Nürnberger Stadion waren es drei zu viel, und etwa zweieinhalb davon verbrachten Nürnbergs Fußballer an der Eckfahne neben dem Ingolstädter Tor – im Bemühen, Einwürfe und Eckstöße herauszuschinden, auf dass die Zeit vergehe.
Es gelang, und als dann endlich Schluss war, hatten auch die Fußballer genug. «Es war unglaublich schwer«, berichtete Stefan Reinartz, «schwierig für eine zusammengewürfelte Mannschaft«, nannte Dominic Maroh die Angelegenheit, deren Ausgang Daniel Gygax so zusammenfasste: «Ob schön oder nicht – wir haben das Beste daraus gemacht.«
Der Aufstiegskampf geht dank Vidosic weiter
Nämlich einen 1:0 (1:0)-Erfolg gegen den FC Ingolstadt 04. Willkommen im Aufstiegskampf, es geht jetzt weiter – oder vielmehr erst richtig los. Momentan steht der 1.FC Nürnberg damit wieder auf Rang drei und dürfte, nach derzeitigem Stand der Dinge, gegen Arminia Bielefeld um einen Platz in der Bundesliga spielen.
Aber solche Momentaufnahmen kann man sich getrost sparen, bis zum 23. Mai wird auf nichts Verlass sein in dieser zweiten Liga; mit der Prognose, dass sich das alles noch oft ändern dürfte, musste Nürnbergs Trainer nicht viel riskieren. Wichtig war gestern bloß, dabei zu bleiben in diesem Nervenspiel, und deshalb hatte Michael Oenning völlig recht mit der Bemerkung, man habe «einen großen Schritt in die richtige Richtung« getan.
Bis zum Seitenwechsel deutete nichts auf Zitterspiel hin
Den tat, nach 23 Minuten, insbesondere der erstmals von Beginn an eingesetzte Dario Vidosic, als ihm, nach einem Eckball von Peer Kluge, der eifrige Reinartz die Kugel mit letztem Einsatz vorlegte. Der fabelhafte Vidosic trat an, legte sich den Ball mit der Brust vor – und zog entschlossen ab. 1:0, ein prächtiger Treffer und hochverdient zu einem Zeitpunkt, da der Club sein Nervenkostüm noch im Griff hatte gegen bloß auf die Defensive ausgerichtete Oberbayern, die zu spät merkten, wie anfällig diese nach vier prominenten Ausfällen (Wolf, Mintal, Boakye, Frantz) völlig umgestellte Nürnberger Mannschaft für kleine Verwirrungen war.
Es deutete bis nach Seitenwechsel noch nicht viel hin auf das Zitterspiel, das es werden sollte. Über eine Stunde dauerte es, bis die seit einer Woche von Horst Köppel trainierten Ingolstädter erstmals aussichtsreich vor Nürnbergs Tor aufkreuzten; nach 70 Minuten hätte es allerdings schon 1:1 heißen müssen.
«Wir sind auf der Rasierklinge geritten«
Nach Daniel Jungwirths Flanke ging der ansonsten wieder tadellose Dominic Maroh aus ungünstiger Position sicherheitshalber lieber gar nicht zum Ball, den Ingolstadts Steffen Wohlfarth dann aus bester Position am Ziel vorbeibugsierte.
«Wir sind auf der Rasierklinge geritten«, formulierte es Trainer Oenning hinterher, und nicht wenige der wieder über 40.000 Zuschauer erinnerten sich eine Woche zurück, als beim FSV Frankfurt ein zunächst ermunternder Auftritt bei eigener 1:0-Führung in eine kollektive Unordnung führte. «Natürlich ist man nach so einer Klatsche verunsichert«, überlegte Gygax, dessen Wiedereinstand trotz mangelnder Spritzigkeit ordentlich ausfiel; «viele junge Spieler, die diese Situationen eben nicht so kennen«, führte Maroh zur Begründung der zweiten allgemeinen Verunsicherung innerhalb einer Woche an.
Klappe halten, weitermachen
Der Vergleich hinkte allerdings etwa so wie am Ende der junge, von Krämpfen geplagte Pascal Bieler. Denn diesmal verlor Nürnberg zwar nach vorne die Orientierung, spielte aber in der Defensive geschickter als am vergangenen Sonntag. Peer Kluge ging mit entschlossenem Zweikampfverhalten voran, Dennis Diekmeier stand ihm nicht nach. Freie Bahn hatten Köppels Ingolstädter kaum, die Nürnberger formierten sich klüger «hinter dem Ball«, wie es Trainer sagen – und Oenning hatte auch gar nichts dagegen, die Besitzstandswahrung in den Vordergrund zu stellen.
Mit Dominik Reinhardt, Juri Judt und Jawhar Mnari stabilisierte er die Defensive, in der Javier Pinola ein weiteres Mal seine Führungsqualitäten unterstrich. Der Argentinier spielte grundsolide – und blieb wieder ohne Verwarnung, weshalb er nun auch am kommenden Sonntag beim großen Derby in Fürth mitmachen darf. Nur einmal, kurz vor Schluss, wandelte ein maulender Pinola am Rande der neunten Gelben Karte – aber beruhigte sich schnell wieder. Klappe halten und weiter machen: Nicht die schlechteste Devise in diesem Aufstiegskampf. Nürnberg: Schäfer; Diekmeier, Maroh, Pinola, Bieler (82. Judt) – Reinartz – Risse (74. Reinhardt), Kluge, Gygax (88. Mnari) – Eigler, Vidosic. Ingolstadt: Lutz; Schwarz, Neunaber, Wenczel, Fink – Karl, Dreßler – Wohlfarth, Leitl (82. Demir), Neuendorf (62. Jungwirth) – Lokvenc (35. Rama). Schiedsrichter: Zwayer (Berlin). Zuschauer: 40118. Tor: 1:0 Vidosic (23.). Gelbe Karte: Rama (5/2).
Hans Böller |