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| Kommentar: |
Die Kinder des Internets |
| Chancen und Risiken der virtuellen Welt |
| Die Kinder des Internets |
Die Generation der unter 30-Jährigen hat bisher ziemlich viel interessiert: Playstation und X-Box zum Beispiel, kostenlose Kopien aus dem World Wide Web oder Ballerspiele. Politik hat dazu eher selten gehört. Das beginnt sich jetzt zu ändern: Die Kinder des Internets werden erwachsen.
So unterzeichneten rund 134000 Menschen eine Petition gegen Zugangsbeschränkungen bei Kinderpornografie. Eine solche Zahl ist eine absolute Ausnahme. Und bei den Europawahlen bekam eine Splittergruppe mit dem merkwürdigen Namen Piratenpartei knapp ein Prozent der Stimmen. Das ist ziemlich viel für eine Organisation, die im Straßenwahlkampf praktisch nicht vorkam. Der Name ist selbst-ironisch; die Organisation will jedem eine kostenlose Kopie unter anderem von PC-Programmen zugestehen. Die Hersteller nennen das Piraterie.
Petition und Partei beschäftigen sich mit dem Internet - das Megathema der ersten Generation, die mit diesem Medium groß geworden ist. Kulminationspunkt ist ein Gesetz, das die große Koalition verabschiedet hat. Auf den ersten Blick kann niemand etwas dagegen haben: Die großen Anbieter von Netzzugängen müssen nach einer Sperrliste des Bundeskriminalamtes Server blockieren, auf denen kinderpornografisches Material angeboten wird.
Ministerin mit Spottnamen
Die Schwierigkeiten liegen freilich im Detail: Die Internet-Gemeinde vermutet, dass sich diese Blockaden ziemlich leicht umgehen lassen, aber eine Zensur-Infrastruktur errichtet wird. Für die Bundesfamilienministerin, die dieses Vorhaben hartnäckig durchdrückte, gibt es deshalb einen Spottnamen: «Zensursula« von der Leyen.
Das Gesetz ist auf drei Jahre befristet; eigentlich könnte man Parlament und Rechtsstaat vertrauen. Und natürlich ist es keine Zensur, den Zugang zu strafbaren Inhalten zu unterbinden. Doch die Aufregung in der Internet-Gemeinde ist ebenso groß wie das Engagement: Links zu missliebigen Kommentaren werden in die ganze Republik verschickt, es hagelt anschließend kritische E-Mails. Viele sind so geschrieben, wie eben in Internet-Foren gelegentlich diskutiert wird: Hart an der Grenze zur Beleidigung und ohne Name und Adresse. Die Autoren müssen noch lernen, dass anonyme Stellungnahmen in der wirklichen Welt niemand richtig ernst nimmt.
Konflikt der Generationen
Wahrscheinlich geht es weniger um das Gesetz als um einen Generationenkonflikt. Wer erst als Kind, dann als Jugendlicher mit dem Internet aufgewachsen ist, hat eine ziemlich einmalige Situation erlebt: Er beherrscht eine wichtige Kulturtechnik um Klassen besser als die Generation der Eltern. Denn die haben sich zu oft und zu lange der virtuellen Welt verweigert. Oder hatten wegen Beruf und Kindererziehung nicht die Zeit, sich in die ziemlich komplexe Materie einzuarbeiten.
Inzwischen zeigt sich aber auch die Kehrseite dieser Entwicklung: Online kann Jugendliche süchtig machen, wie sich auf einer Tagung bei der Drogen-Bundesbeauftragten bestätigte. Die Gefahr ist groß, dass Jugendliche sich zwar im Internet zu Hause fühlen, dieses aber für das wahre Leben halten und die Realität ausblenden. Surfen am Computer ist einfach problemloser als die komplexe Realität, in der mehr nötig ist als ein Mausklick, um Freunde zu gewinnen. In der man sich mit Gleichaltrigen arrangieren, mit Erwachsenen Kompromisse schließen muss.
Mit dem Thema Kinderpornografie im Internet muss sich nun Karlsruhe auseinandersetzen. Wie immer das Urteil ausfällt: Es wird dazu beitragen, dass die Kinder des Internets in der Wirklichkeit ankommen.
Dieter Schwab |
| 4.7.2009 |
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