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NÜRNBERG - Lange Zeit verläuft das Kneipenfestival «Gostenhoz RuleZ» am Samstagabend friedlich; aber gegen Mitternacht kommt es zu Ausschreitungen, die Stunden später darin gipfeln, dass die Polizei den Jamnitzerplatz räumt - auf eine Art, die manche empört. Der Vorwurf: «Enthemmte» Beamte hätten eine «Hetzjagd» veranstaltet.
«Es war der Teufel los am Jamnitzerplatz», erzählt Sabine Lindsiepe am Tag danach. Die frühere SPD-Stadträtin hat noch keine Stunde geschlafen, die Nacht war zu aufwühlend. «Ich bin empört über das brutale Vorgehen der Polizei.» Aus ihrer Sicht spielte sich Folgendes ab: Am Ende ihres privates Hoffestes, es ist gegen 2 Uhr, tritt sie am Jamnitzerplatz vors Haus. Hier wird Gitarre gespielt, gesungen, Lagerfeuerromantik herrscht.
Mehrere Hundert junge Leute sind da, sie haben zwei Feuer angezündet, eines auf dem Platz, ein anderes auf der Mittleren Kanalstraße, vor der «Schwarzen Katze»; Autonome sind auch unter den Feiernden. Lindsiepe sieht, dass ein Löschfahrzeug der Feuerwehr kommt, im Schritttempo, davor gehen Polizisten in schwarzen Uniformen mit «Helm, Schildern und Schlagstöcken». Plötzlich rennen die Einsatzkräfte los, erzählt die 56-jährige Psychologin. «Ein Junge vor mir wurde überrannt, ein Polizist trat mit dem Fuß nach.» Es spitzt sich zu: «Die Polizisten rannten den Jugendlichen hinterher, das war eine richtige Hetzjagd, sie waren regelrecht enthemmt.» Ein Junge fällt auf den Bauch, blutet am Unterarm. Ein Mädchen sitzt weinend im Busch, die Beine bluten.
Lindsiepe wird aufgefordert, den Platz zu verlassen, wird von hinten geschubst, soll schneller gehen. Sie geht langsam, weil sie Angst hat, den «Jagdinstinkt» der Beamten anzustacheln.
Vor ihrem Haus steht einer ihrer Gäste, ein gehbehinderter Mann mit heftig blutendem Ellenbogen - er ist zu Boden gestoßen worden, will nun Strafanzeige stellen. Als Psychologin fällt Lindsiepe im Gespräch mit den NN ein vernichtendes Urteil über den Einsatz: Da sei nichts richtig gemacht worden, keine Spur von Deeskalation.
«Beamte schlugen um sich»
Ähnlich sieht es Rainer Loska. Nach einer Geburtstagsfeier will er den Abend am Jamnitzerplatz ausklingen lassen. Gegen 2.45 Uhr, der Gitarrist spielt gerade «Junimond», gellt ein Ruf: «Die Bullen kommen.» Junge Leute laufen los. «Vermummte Polizisten mit Schlagstöcken» rennen hinterher. Loska berichtet von «brüllenden, um sich schlagenden Polizisten». Auch er wird «grob» angepackt.
Er will nicht ausschließen, dass die Polizei provoziert wurde - aber aus seiner Sicht agierte da ein «wildgewordener Polizeitrupp». Nahe der Unteren Kanalstraße sieht er den Musiker, seine Gitarre: zerbrochen.
Es ist Tobi Hacker, «Gymmick» genannt. Er erzählt, dass er mit seinen Freunden den Platz verlassen habe, als sich die Lage zuspitzte. «Doch dann kamen die Polizisten wie aus dem Nichts auf uns zugerannt.» Die Polizisten «prügelten auf uns ein», sein Freund bekommt «einen Gummiknüppel aufs Ohr», er selbst schützt sich mit seiner 600 Euro teuren Konzertgitarre. Aber er hat Glück, bleibt unverletzt, weiß von einem, der einen Armbruch erlitt. Das Polizeivorgehen für ihn: unverhältnismäßig.
Der Einsatzleiter selbst ist am Tag danach nicht zu sprechen. Aber Polizeisprecher Robert Schmitt verteidigt ihn: «Es war sicherlich wohlüberlegt gewesen, das Vorgehen des Einsatzleiters.» Warum der Platz geräumt werden musste? Schmitt sagt, Beamte seien «massiv mit Flaschen und Feuerwerkskörpern beworfen» worden. Man habe «unmittelbaren Zwang» anwenden müssen, um den Platz zu räumen. Was übersetzt heißt: Gewalt.
Laut Polizei gab es schon gegen Mitternacht erste Brände. Autonome setzten sich auf die Kernstraße, behinderten den Verkehr. «Über Hundert Personen» hätten sich «äußerst aggressiv» verhalten. Am Jamnitzerplatz habe man die Feuerwehr bei ihrem Löscheinsatz schützen müssen. Erst bei Tagesanbruch habe sich die Situation beruhigt. Vier Polizisten wurden verletzt; wie viele Verletzte es insgesamt gab, stand gestern nicht fest.
Andreas Dalberg |