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Staat soll Grundeinkommen für alle zahlen

Interview mit Professor Werner - «600 bis 800 Euro im Monat sorgen für Freiheit«
 Staat soll Grundeinkommen für alle zahlen
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NÜRNBERG - Ein Grundeinkommen für jeden Bürger, ohne dass irgendeine Bedingung erfüllt werden muss, um dieses zu bekommen, propagiert Professor Götz W. Werner. Am Dienstag, 29.September, hält der Gründer der dmDrogeriemarkt-Kette und Autor des Buches «Einkommen für alle« um 18 Uhr einen Vortrag zu diesem Thema in der «AWOthek« der Arbeiterwohlfahrt, Karl-Bröger-Straße 9. Die Lokalredaktion sprach mit Werner.

Herr Werner, Sie versprechen den Menschen tatsächlich das Paradies auf Erden, nämlich ein existenzsicherndes Grundeinkommen von etwa 600 Euro, ohne dass sie dafür einen Finger krumm machen müssen.

Götz W. Werner: Ich nenne eigentlich keine Beträge. Die Höhe muss die Gesellschaft festlegen. Ich gehe davon aus, dass der Betrag etwa im Bereich des Arbeitlosengeldes II plus der Zahlungen für die Wohnung liegt, die Hartz-IV-Empfängern zustehen.

Die Betroffenen beklagen aber vielfach, dass man davon nicht leben kann.

Werner: Sie könnten davon leben, wenn sie dazuverdienen könnten. Wenn Sie heute Hartz IV bekommen, sind Sie ausgeschlossen von der arbeitenden Gesellschaft. Hartz IV ist ein bedingtes Grundeinkommen, das ich mir bei einem regelrechten Parcours durch die Behörden ergattern muss. Die Idee, die ich vertrete, meint aber ein bedingungsloses Grundeinkommen, auf das jeder Bürger ein verfassungsmäßiges Recht hätte. Die Gesellschaft sagt: Hier hast du Geld für dich, jetzt bring dich mal in die Gesellschaft ein und zeige, was du kannst. Das ist eine ganz andere Perspektive.

Sie haben ein sehr positives Menschenbild, Sie gehen davon aus, dass sich die Leute dann nicht auf die faule Haut legen?

Werner: Nein, die Menschen machen dann das, was sie für richtig halten. Das hat mit einem besonders positiven Menschenbild nichts zu tun, das ist genau das, was ich auch als Unternehmer beobachte. Anders könnten Sie auch kein Filialunternehmen führen mit über 20000 Kolleginnen und Kollegen.

Die arbeiten doch nicht bei Ihnen, weil sie nichts anderes zu tun haben, sondern weil sie Geld verdienen müssen.

Werner: Sie wollen unter Menschen sein. Die Menschen streben von sich aus über sich hinaus, sie sind ja bereit etwas zu tun. Dieses Bedürfnis würde auch bei einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht auf null sinken, ganz im Gegenteil, sie würden endlich das machen können, was sie wirklich wollen. Diese Zusammenhänge nimmt nur niemand wahr.

Haben Sie schon durchgerechnet, was die Idee den Staat kosten würde?

Werner: Als Unternehmer rechnet man nie, was es kostet, sondern vor allem, was es bringt. Die Gesellschaft muss also fragen: Was bringt es uns, wenn wir dem Menschen Freiheit geben, tätig zu werden. Und das bringt gewaltig viel. Dann müssen wir uns fragen: Sind wir in der Lage, uns das als Gemeinschaft leisten zu können? Ja, das sind wir. Uns stehen genügend Güter und Dienstleistungen zur Verfügung, um die Lebensbedürfnisse der Bürger zu befriedigen. Wir können gar nicht alles selbst verbrauchen. Diese Gesellschaft war noch nie so reich wie heute. Die Frage nach der Finanzierung ist ein Denkirrtum. Sie müssen fragen: Können wir die Menschen versorgen. Und das können wir zweifellos schon heute. Die Güter sind da, wir müssen den Leuten nur das Geld dafür in die Hand drücken.

Ihre Idee gründet darauf, dass konsumiert wird. Weniger Geld bedeutet aber auch weniger Konsum. Wenn sehr viele Menschen mit ihren 600 Euro zufrieden sind, bricht dieser ein. Das schadet der Wirtschaft schwer.

Werner: Jetzt haben Sie sich widersprochen. Die Wirtschaft ist ja kein Selbstzweck. Entweder ich habe bestimmte Bedürfnisse, dann kümmere ich mich um genügend Geld, um die befriedigen zu können. Habe ich die nicht, dann brauche ich auch das Geld nicht. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sagt: Ich habe 600 oder 800 Euro, das reicht mir. Die Natur des Menschen ist anders.

Der real existierende Sozialismus verfolgte auch die Idee, dass die Gesellschaft die Grundbedürfnisse abdeckt. Der ist aber grandios gescheitert.

Werner: Das haben Sie falsch beobachtet. Im real existierenden Sozialismus gab es keine Güter, außerdem bestand Arbeitszwang. Die Leute wurden irgendwo hingesetzt, wo sie gar nicht arbeiten wollten. Es gab keine freie Initiativ-Entfaltung. Jeder hat das gemacht, was er machen musste, nicht das, was er machen wollte. Je mehr man die Menschen aber frei lässt, desto begeisterter arbeiten sie auch.

Hat der generelle Zwang zur Arbeit nicht auch was Gutes an sich? Wer würde zum Beispiel die sehr belastende Arbeit auf sich nehmen, Alte zu pflegen? Jeder sucht sich doch eine möglichst bequeme, wenig belastende Tätigkeit.

Werner: Das ist ein Irrtum. Arbeit kann nie gut werden, wenn sie unter Druck geleistet wird oder wenn die Arbeitenden keinen Sinn darin sehen. Etliche Probleme in der Pflege rühren auch daher, dass viele Leute die Arbeit nur machen, weil sie das Geld brauchen. Bei einem bedingungslosen Grundeinkommen würden viel mehr Menschen eine soziale Tätigkeit übernehmen. Heute können sich das viele gar nicht leisten, weil sie ihr Geld woanders verdienen müssen. Arbeit muss entkoppelt werden vom Einkommen. Wir brauchen das Einkommen, um arbeiten zu können, und nicht umgekehrt. Arbeit soll nicht bezahlt werden, sie soll ermöglicht werden. Da müssen wir umdenken. Wir müssen Bedingungen schaffen, unter denen Initiative geweckt wird. Ziel ist der freie Mensch.

Sind Sie politisch aktiv, um Ihre Idee umzusetzen?

Werner: Ich selbst bin nicht parteipolitisch aktiv, aber die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens wird in allen Parteien diskutiert, besonders an der jeweiligen Basis. Es gibt schon Elemente, wie das Kindergeld oder die Grundsicherung im Alter. Das ist nur alles viel zu niedrig.

Gut, aber eine Erhöhung kostet.

Werner: Nein, sie bringt was.




Interview: Michael Kasperowitsch
25.8.2009
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