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14.10.2009
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Das Solo-Konzert des Pianisten Keith Jarrett in Berlin

Die wesentlichen Dinge
 Das Solo-Konzert des Pianisten Keith Jarrett in Berlin
Foto: Archivfoto von 2006, ECA-Records
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BERLIN - Wenn Keith Jarrett, dieser leibhaftige Pianogott, wieder einmal aus dem Olymp herabsteigt, um den Sterblichen eines seiner raren, komplett improvisierten Solokonzerte angedeihen zu lassen wie jetzt in Berlin, dann herrscht kollektive Anspannung.

Selbst Frank Walter Steinmeier sitzt da wie schockgefroren. Dem Außenminister bleibt wie den restlichen Besuchern der ausverkauften Berliner Philharmonie an diesem Abend nichts übrig, als sich bedingungslos den Regeln von Keith Jarrett zu beugen: Nicht reden, nicht husten, nicht bewegen.

Angst an Stelle von Ehrfurcht

Weil das Frankfurt-Gastspiel des 64-Jährigen 2007 fast pathologische Züge annahm, ist längst Angst an die Stelle früherer Ehrfurcht getreten. Damals motzte Jarrett über das ungebührliche Verhalten der Zuhörer, verließ die Bühne, kam aber wieder. Vieles deutete darauf hin, dass dies vielleicht sein letztes Deutschland-Gastspiel war.

Jetzt, zwei Jahre später, sind die Karten neu gemischt. Keith Jarrett ist zwar von Altersmilde immer noch Lichtjahre entfernt, wirkt aber trotz seiner unverkennbaren Nervosität erstaunlich gütig, ja fast selbstironisch. Das mag am besonderen Anlass des Abends liegen: Jarretts Plattenfirma ECM feiert ihr 40-jähriges Bestehen.

Wie ein wildes Tier

«Freundschaft ist etwas ausgesprochen Wichtiges«, doziert der Pianist, bevor er die Finger auf den Steinway legt. Gemeint ist die Beziehung zu ECM-Chef Manfred Eicher, der mit ihm zusammen das «Köln Concert« produzierte, jenen legendären Tonträger, der bis dato über drei Millionen Mal über den Ladentisch ging.

Wie ein wildes Tier wühlt sich Jarrett in die Tastatur, vergräbt sich beinahe darin. Eine verstörend aggressive, gleichwohl seltsam feierliche Eröffnung. Alles scheint seinen vorbestimmten Lauf zu nehmen – bis unmittelbar nach Beginn des zweiten Stückes doch tatsächlich ein Handy klingelt.

«Ich will nur das Beste»

Jarrett stoppt, schäumt, zügelt aber seinen Zorn und tadelt: «Es geht doch um Konzentration, oder? Wir müssen lernen, uns zu konzentrieren. Auf die Musik. Auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Den Rest müssen wir ausblenden. Und ausmachen!«

Nächster Anlauf: hektisch, dissonant, im rasenden Fortissimo. Ostinate Figuren von eruptiver Kraft bewegen scheinbar den Flügel. Danach ein Juwel fragiler Liedkunst, modelliert mit spärlichen Noten und schwebendem Anschlag.

«Ich will nur das Beste«, sagt Jarrett mitnichten entschuldigend, als er just vor der ersten Zugabe sogar noch den Klavierstimmer auf die Bühne holen lässt, weil er einen schlechten Ton gehört haben will. Das Beste kommt in Form dreier weiterer frenetisch gefeierter Geschenke an das geläuterte Berliner Publikum. Selbst der Vizekanzler spendet Standing Ovations. Vielleicht will Keith Jarrett uns ja nur vor Augen führen, dass wir verlernt haben zuzuhören. Allein dafür würde ihm ein Denkmal gebühren.»

Reinhard Köchl
14.10.2009
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