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NÜRNBERG - Er kämpft gegen den Meinungs-«Mainstream» in Deutschland: Albrecht Müller, Buchautor und Betreiber des Internet-Blogs «Nachdenkseiten». Morgen spricht er beim Sozialpolitischen Buß- und Bettag von Kirchen und Gewerkschaften in Nürnberg zum Thema «Eliten außer Kontrolle?»
Er war dabei beim legendären Wahlkampf von Willy Brandt 1972 («Willy wählen»), arbeitete danach im Planungsstab des SPD-Kanzlers, engagierte sich später für Gerhard Schröder, als dieser Ministerpräsident von Niedersachsen wurde - zeigt sich aber von dessen Agenda-Reformen als Kanzler der rot-grünen Koalition weitgehend enttäuscht: Albrecht Müller ist zwar ein unabhängiger Querdenker, dürfte aber politisch derzeit wohl ins Lager der von der SPD frustrierten Linken einzuordnen sein.
«Lernt endlich wieder zweifeln»
In einigen Büchern schreibt der 71-jährige Publizist an gegen jene neoliberale Verschwörung, die er, ähnlich wie etliche Linke, in Politik, Wirtschaft und Medien am Werke sieht. Nach der «Reformlüge» folgte «Machtwahn», und kürzlich legte Müller Teil drei seiner Abrechnung vor: «Meinungsmache», Untertitel: «Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen» (Droemer Knaur Verlag, 448 Seiten, 19,95 Euro).
Was versteht Müller unter «Meinungsmache»? Im Gespräch mit unserer Zeitung sagt er: «Ich beobachte seit 50 Jahren, wie Meinung gemacht wird. Wie die Menschen bei vielen Fragen in die Irre geführt werden. Wie das vor allem in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen geschieht. Und dann habe ich einfach mal im weiteren Verlauf beobachtet, wie das systematisch geschieht. Und dass jene Menschen und Gruppen, jene Personengruppen, die über viel Geld und viel publizistische Macht verfügen, eben auch festgestellt haben, dass sie die politischen Entscheidungen ganz wesentlich beeinflussen können, indem sie die Meinung der Menschen beeinflussen.»
Auf den «Nachdenkseiten» im Internet sammelt Müller zusammen mit einem Team täglich Beispiele für diese Art von Meinungsmache - und liefert Texte, die gegen den Strom schwimmen; gelegentlich finden sich dort auch Beiträge aus den Nürnberger Nachrichten. Was sagt Müller zum Vorwurf, er betreibe mit seinen Seiten auch nur Meinungsmache - nur eben in eine andere Richtung? Der Publizist: «Unsere Hauptbotschaft ist: Lernt endlich wieder zweifeln, kritisch hinterfragen. Ob ihr uns dann folgt oder nicht, das ist eure Sache. Aber hört endlich wieder auf zu glauben, was man euch rundum erzählt.» Oder, um ein Goethe-Zitat zu verwenden, das Müller gut gefällt: «Mit dem Wissen wächst der Zweifel.»
Einiges nicht in Ordnung ist
In den Kirchen sieht er Verbündete - weniger in deren Spitzen, sondern an der Basis. Dort gebe es «eine starke Bewegung von Menschen, die spüren, dass in unserer Gesellschaft einiges nicht in Ordnung ist». Das passt zum Motto, das die evangelische Landeskirche zum Buß- und Bettag ausgegeben hat: «Was zählt noch?» – mit dieser Frage reagiert die Kirche auf die Verunsicherung vieler Menschen infolge der Finanzkrise. Albrecht Müller geht auf die Ursachen dieser Verunsicherung ein - provokant und pointiert.
Der «Sozialpolitische Buß- und Bettag», zu dem die evangelische und katholische Kirche samt ihrer Einrichtungen mit dem DGB einladen, beginnt am Mittwoch, 18.November, um 19.30 Uhr in der Peterskirche Nürnberg, Regensburger Str. 62 (Eintritt frei).
Alexander Jungkunz |