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Kommentar:

Berechtigter Protest

Studenten stellen das Bildungssystem infrage
 Berechtigter Protest
Es ist ein trüber Herbst. Tausende von Studierenden in ganz Deutschland demonstrieren - gegen bröckelnde Hochschulbauten, überfüllte Hörsäle, demotivierte Dozenten, undemokratische Strukturen. Allein in Erlangen gehen mehr als 5000 junge Leute auf die Straße und fordern bessere Studienbedingungen. Das war 1988.

Nur Mindestservice

Genau 21 Jahre später wird wieder demonstriert. Hat sich etwas geändert? Ja doch, einiges! Die Studierenden müssen jetzt Gebühren zahlen, damit die Hochschulen einen Mindestservice bieten können, den der Staat nicht finanzieren kann oder will. Externe Hochschulräte, mit mehr oder minder hochkarätigen Persönlichkeiten aus der Wirtschaft besetzt, entscheiden über die Strategie von Bildungseinrichtungen.

Und die Hochschulen jubeln über neue Rekordzahlen bei den Studierenden. Nachdem die ungeliebten Langzeitstudenten über spezielle Sondergebühren entsorgt worden sind, erreichen die Studentenzahlen jetzt wieder Werte wie am Ende der 80er Jahre.

Wer sich heute am Bildungsstreik beteiligt, war 1988 noch ein Kind oder nicht einmal auf der Welt. Und doch haben all die demonstrierenden Schüler und Studenten die Nase voll von unserem Bildungssystem, das seitdem offenbar keinen Deut demokratischer und sozialverträglicher geworden ist.

Im Gegenteil: Das G 8 nimmt den meisten Gymnasiasten jeglichen Spielraum - im wahrsten Sinn des Wortes. Für Sport, Musik oder Ehrenamt bleibt keine Zeit mehr. Die Umstellung auf Bachelor und Master hat aus Studierenden rastlose Büffler gemacht, die oft nicht einmal Zeit haben für den Job, den sie bräuchten, um überhaupt studieren zu können.

Es geht den Demonstrierenden von heute nicht nur darum, diese Fehlentwicklungen als solche klar zu benennen. Sie wollen vor allem die eigentlichen Ursachen für die äußerlich erkennbaren Missstände anprangern: ein Wirtschaftssystem, in dem der Einzelne - so früh und so lange wie nur irgend möglich - ebenso reibungs- wie bedingungslos funktionieren soll. Eine Gesellschaft, die ganz gezielt die Stärksten fördert und alle Schwächeren auf der Strecke bleiben lässt.

Aber sollte eine Schule nicht versuchen, selbst die leistungsschwächeren Schüler zu einem vernünftigen Abschluss zu bringen, anstatt nur die besten in irgendwelche Hochbegabten-Programme zu jagen? Und sollte eine Hochschule nicht nur ihre herausragenden Absolventen ehren, sondern auch ein besonderes Auge darauf haben, dass jeder Student irgendwann mit einem brauchbaren Zeugnis herauskommt?

Die alltägliche Praxis sieht anders aus. Wer sich nicht schon in jüngsten Jahren in das vorgegebene Raster des Karrierestrebers biegen lässt, wird schnell aussortiert. Vielleicht verfolgt das Ganze ja einen tieferen (wirtschafts)politischen Zweck? Vielleicht werden ja nur noch Spitzenmanager gebraucht, die ein Unternehmen nach dem anderen in den Ruin wirtschaften. Wozu sollte man dann möglichst viele Menschen gut ausbilden? Nur, damit sie über kurz oder lang sowieso arbeitslos werden?

Wut und Verzweiflung

Das verträgt sich nicht mit den hohlen Sprüchen vom «Geist als dem einzigen Rohstoff in diesem Lande»! Und mit der oft gehörten Forderung, wir brauchten möglichst viele, möglichst hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Es ist die offenkundige Diskrepanz zwischen solchen Fensterreden und der Realität, die viele junge Menschen auf die Straße treibt - aus Wut, aus Verzweiflung, aus Angst um ihre Zukunft und aus Sorge um die Gesellschaft, in der sie einmal die Rolle der Erwachsenen einnehmen sollen.

Lothar Hoja
18.11.2009
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