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Wegen falscher Fingerabdrücke in Guantanamo |
| US-Anwalt und Buchautor Steven T. Wax schildert in Nürnberg zwei kafkaeske Fälle |
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NÜRNBERG - Wie können völlig unbescholtene Bürger urplötzlich in die Fänge der Terrorbekämpfer gelangen, gar nach Guantánamo verschleppt werden? Der US-Anwalt Steven T. Wax hat zwei unschuldig Eingesperrten durch jahrelangen Einsatz zur Freiheit verholfen. Nun berichtete er in Nürnberg, wie im Namen des Patriot Act der Rechtsstaat unter die Räder geriet.
Oregon ist nicht der Ort, den man im Zentrum der Jagd nach Al-Kaida-Helfern vermutete. Der dünn besiedelte US-Bundesstaat am Pazifik ist eher beschaulich. Doch auch hier griffen die Terrorfahnder des FBI am 6. Mai 2004 zu.
Acht Wochen zuvor, am 11. März, hatten islamistische Extremisten in Madrid Bombenanschläge auf vier Pendlerzüge verübt. 191 Menschen starben. Der Anwalt Brandon Mayfield hatte Berichte über dieses Blutbad im fernen Oregon im Fernsehen gesehen. Dass er selbst als Mittäter in Verdacht geraten könnte, hätte er sich in seinen kühnsten Fantasien nicht ausmalen können. Doch so kam es.
Eigenartige Dinge
Auch das amerikanische FBI überprüfte die Fingerabdrücke, die spanische Ermittler auf einer Plastiktüte fanden, und siehe da: Sie glichen denen von Brandon Mayfield. In den folgenden Wochen fielen ihm und seiner Frau eigenartige Dinge auf. Eines Tages ließ sich die Haustür nicht aufschließen, in den Zimmern blinkten die digitalen Uhren. Jemand musste eingebrochen und den Strom gekappt haben. Einmal blieben auch Fußabdrücke auf dem Teppich zurück. Wenig später klickten die Handschellen. Der bisher untadelige Mayfield, selbst Anwalt, landete im Gefängnis.
Auch als die spanischen Ermittler die Übereinstimmung der Fingerabdrücke eindeutig ausschlossen, blieben die FBI-Experten stur. Für sie blieb Mayfield ein Mitglied des Terrornetzwerkes. Hatte er nicht eine ägyptische Frau geheiratet und war zum Islam konvertiert. Und hatte er nicht nach den Madrider Anschlägen im Internet Berichte darüber gelesen?
Der Anwalt Steven T. Wax, auch er lebt in Portland (Oregon), verteidigte Mayfield. Ihn erinnerte der Fall unweigerlich an Franz Kafkas «Prozess«. Kein Wunder, dass sein eigenes Buch, in dem er Mayfields Martyrium schildert, nun «Kafka in Amerika« heißt.
Mitten in der Nacht
Der zweite darin geschilderte Fall ist ebenso bizarr. Er handelt von dem Guantánamo-Häftling Nr. 940, dem Sudanesen Adel Hamad. In seiner bürgerkriegsgeplagten Heimat hatte der junge Mann als Ingenieur für Klimaanlagen keine Arbeit finden können. Deswegen ging er 1986 nach Pakistan, wo er bei einer kuwaitischen Hilfsorganisation arbeitete, die Flüchtlinge des afghanisch-sowjetischen Krieges betreute. Alle Mitarbeiter schätzten ihn als fröhlichen, aber ziemlich unpolitischen Menschen. Doch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA geriet auch er in die Fänge der Terrorbekämpfer. Wie so viele ausländische Moslems wurde er mitten in der Nacht in seiner Wohnung in Peschawar festgenommen und nach Guantánamo verschleppt. Seine Frau und ihre drei Töchter vergingen fast vor Sorge. Erst nach acht Monaten erfuhren sie, wo Abel überhaupt war. Auch er wurde gefoltert.
Weltbild wankte
Für Anwalt Wax brachten diese Fälle ein Weltbild ins Wanken. In diktatorisch regierten Ländern mochten solche Dinge passieren. «Aber in den USA?« Dennoch hat Wax, inzwischen für seinen Einsatz vielfach ausgezeichnet, die Hoffnung nicht verloren. Immerhin, derselbe Staat, der unbescholtenen Menschen die Freiheit raubte, sogar Folter zuließ, beschäftigte ihn als Pflichtverteidiger, um diesen Gefangenen wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. «Es gibt immer ein Auf und Ab«, sagt er lapidar.
Im Rahmen seiner Buch-Lesetour wollte Wax übrigens unbedingt nach Nürnberg kommen, die Stadt der Kriegsverbrecherprozesse. Auch dass die Lesung gemeinsam vom hiesigen Menschenrechtszentrum und dem Erlanger Professor Heiner Bielefeldt, dem Inhaber des neu entstandenen Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik, organisiert wurde, gefiel dem Gast aus Oregon sehr gut. «Macht weiter«, rief er allen am Ende der Veranstaltung zu.
Steven T. Wax: "Kafka in Amerika". Wie der Krieg gegen den Terror Bürgerrechte bedroht, Hamburger Edition, HIS, Hamburg 2009, 496 S., geb. 29,90 €
Georg Escher |
| 6.2.2010 |
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