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NÜRNBERG – Man musste die Frage gar nicht kennen, um Dominic Maroh gut zu verstehen. «Von allem ein bisschen«, sagte der junge Verteidiger im Journalistenpulk – vermutlich bei der Ursachenforschung darüber, was dem 1.FC Nürnberg gerade zum Verhängnis geraten war. Unvermögen, Übereifer, Pech?
Die Gefühlslage umfasste auch von allem ein bisschen: Hoffnung, Zuversicht, Verzweiflung – nachdem man von allem ziemlich viel gesehen hatte: Tempo, Leidenschaft, Einsatzwillen. Nur war am Ende nichts übrig geblieben für den 1.FC Nürnberg. «Wenn man so blöd verliert, sind die nächsten Tage deprimierend«, sagte Maroh nach dem 1:2 (0:1) gegen den nun zum fünften Mal hintereinander siegreichen VfB Stuttgart.
Couragiertes Spiel
86 Minuten lang hatte Nürnberg couragiert, phasenweise erstaunlich gut gespielt und den VfB «mit großer Leidenschaft unter Druck gesetzt«, wie Stuttgarts Trainer Christian Gross resümierte. Dann wollte Nürnberg unbedingt gewinnen – und verlor. Sami Khedira passte, wieder einmal über Nürnbergs linke Abwehrseite, zentimetergenau durch die Mitte, von links aus spitzem Winkel hatte Roberto Hilbert freie Bahn: Der beim Fürther Kleeblatt ausgebildete Forchheimer, für den vom FC Barcelona ausgeliehenen Aliaksandr Hleb eingewechselt, traf zum Stuttgarter Siegtor – das jähe Ende eines schönen, phasenweise spektakulären Fußballabends.
Ein bisschen sah es auf den ersten Blick aus wie ein Torwartfehler, aber der vorzügliche Raphael Schäfer, der zuvor dreimal glänzend geklärt hatte, musste spekulieren, weil Pavel Pogrebnjak ebenso mitgelaufen war wie links der von Dennis Diekmeier nur halbherzig bewachte Hilbert – Pogrebnjak ließ die Kugel elegant für Hilbert passieren, und um die tapferen Nürnberger war es geschehen.
«Soll ich sie bremsen?«
Freispruch für Schäfer; so musste das Urteil nach der Video-Analyse lauten, und im Grunde galt das für die ganze Nürnberger Elf. «Wer so ein Spiel abliefert, darf am Ende nicht in diesen Konter laufen«, sagte Dieter Hecking zwar, aber böse war der Trainer den Seinen nicht: «Soll ich sie bremsen, wenn sie ihre Chance wittern?«
Ein bisschen weniger wollen? Ein kleines Erfolgserlebnis festhalten? Es bleibt immer alles hypothetisch beim Fußball, selbst mit sturer Maurertaktik fängt man sich gerade als Abstiegskandidat späte Gegentreffer, und Mut zum Vorwärtsspiel wird Nürnberg brauchen – je näher das Saisonende rückt, desto größer müssen die Schritte bei der Aufholjagd werden. «Diesmal sind wir dafür bestraft worden, aber bei dieser Einstellung müssen wir ja bleiben«, sagt Hecking.
Die Botschaft ist angekommen
Diese Botschaft ist angekommen. Gegen einen sehr gut organisierten Gegner sah Nürnberg nie aus wie ein Absteiger, zeigte keine Spur mehr von Versagensangst und erkämpfte sich ein Übergewicht im Mittelfeld. Stuttgart hatte einen beeindruckenden Khedira – der die defensive Organisation und das Vorwärtsspiel in Personalunion dirigierte – und die besseren Torchancen; Nürnberg mit einem sich stetig steigernden Marek Mintal in der Zentrale blieben die größeren Spielanteile – worauf Gross mit der Einwechslung von Kuzmanovic für Stürmer Marica reagierte.
Der Ausgleich fiel trotzdem. Die Gastgeber, nach einem mittelschweren Bock ihres Kapitäns Andreas Wolf durch den agilen Timo Gebhart früh in Rückstand geraten (22.), erhöhten die Schlagzahl nach Seitenwechsel noch. «Sie waren sicher spielüberlegen«, sagte VfB-Keeper Jens Lehmann, der beim hochverdienten 1:1 ein wenig mitgeholfen hatte. Der von Spiel zu Spiel bessere Angelos Charisteas legte klug vor, Albert Bunjaku umkurvte Stefano Celozzi – und Lehmann bekam den ins lange Eck gezirkelten Ball nicht zu fassen (60.).
«Normal hätte ich den gehalten«
«Normal hätte ich den gehalten«, erklärte Deutschlands kurz vor der Verrentung stehender Sommermärchen-Torwart von 2006 und beklagte in schöner Lehmann-Ironie mit todernstem Blick wieder einmal die Tücken des Objekts, in diesem Fall die Flugeigenschaften der ständig neuentwickelten Bälle.
Lehmann war’s egal; «das Glück kehrt zu uns zurück«, konstatierte er – während Nürnbergs Club ein bisschen Unglück treu geblieben war. «Es ist so schade, weil wir den Zuschauern gern eine Freude gemacht hätten«, sagte Torschütze Bunjaku – nachdem seine Elf unter Beifall den Platz verlassen hatte.
Ein bisschen Lob, ein bisschen Tadel, ein bisschen Zuversicht trotz der wieder ein bisschen schlechter gewordenen Ausgangslage: Das blieb Dieter Hecking, «und das wird der Balance-Akt bis zum 8. Mai bleiben«, sagte er. Der Trainer sah ein bisschen glücklich aus. Und ein bisschen traurig.
Nürnberg: Schäfer (90.+1 Stephan); Diekmeier, Wolf (62. Maroh), Breno, Pinola – Tavares, Ottl – Mintal – Eigler (74. Risse), Charisteas, Bunjaku.
Stuttgart: Lehmann; Celozzi, Tasci, Niedermeier, Molinaro – Träsch, Khedira – Gebhart, Hleb (61. Hilbert) – Marica (51. Kuzmanovic), Pogrebnjak.
Schiedsrichter: Zwayer (Berlin). – Zuschauer: 40384. – Tore: 0:1 Gebhart (22.), 1:1 Bunjaku (60.), 1:2 Hilbert (87.). – Gelbe Karten: Schäfer (4), Breno (2) – Marica (4), Gebhart (5/2).
Hans Böller |