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BAMBERG - Thorben Graß hat es satt. Schon seit Jahren hat er das Gefühl, keine Freizeit mehr zu haben. Den Gitarrenunterricht gab er auf, als er in die elfte Klasse kam - sein einziges Hobby ist jetzt einmal in der Woche das Fitnessstudio. «Abends lerne ich bis elf, morgens stehe ich um fünf wieder auf, um die Hausaufgaben zu schaffen», sagt er verärgert. Weil er sich das nicht mehr bieten lassen will, ist er, wie 800 andere, ins verschneite Bamberg gekommen. Mitten in der Masse von Schülern steht er vorm Hauptbahnhof und hält mit zwei seiner Klassenkameraden ein Plakat hoch. Darauf steht: «Wenig gedacht, schnell gemacht = G 8».
Um ihn herum herrscht ohrenbetäubender Lärm: Die Protestler sind aus der ganzen Gegend angereist, mitgebracht haben sie Trillerpfeifen, Megaphone und Plakate. Und sie sind sauer. Über zu viele Schulstunden, zu viel Stoff und Lehrer, die auch nicht so genau wissen, wie sie das alles organisieren sollen. Auch in fünf anderen Städten gehen die Gymnasiasten heute auf die Straße. In München sangen die Demonstranten «Ein Minister ohne Pläne – ja, das ist der Spaenle». Streikleiter Christian Miethammer rief der Menge zu: «Scheißt’s auf die Verweise, wir sind hier für was Höheres da!»
Einige bleiben auf der Strecke
Der Protestzug in Bamberg setzt sich in Bewegung. Irgendjemand fängt an zu skandieren: «Wir sind laut, wir sind hier, weil man uns die Bildung klaut!» Einige Passanten bleiben stehen, eine Frau ruft: «Wer sich nicht wehrt, ist verkehrt!» Thorben sieht das auch so. Als er vor sieben Jahren von Rheinland-Pfalz nach Bayern zog, musste er wegen der höheren Anforderungen erst einmal die fünfte Klasse wiederholen - und rutschte ins erste G 8. Jahrelang brauchte er Nachhilfe, hatte Probleme, im Stoff mitzukommen. Vielen seiner Freunde ging es genauso. Nun ist er Oberstufensprecher am Friedrich-Rückert-Gymnasium in Ebern - und fühlt sich auch verantwortlich für die nächsten Jahrgänge. «Was ist mit denen, die kein Geld für Nachhilfe haben?», fragt er. «Die bleiben einfach auf der Strecke.»
Auch viele Zehntklässler laufen im Protestzug mit. Sie haben Angst vor dem, was auf sie zukommt. Schon jetzt sei der Stoff so viel, dass selbst die Besten ins Schleudern gerieten, sagt Fiona Kirchner. An ihrer Schule, dem Eichendorf Gymnasium in Bamberg, hätten sie mit den Lehrern schon seit Wochen über die Probleme diskutiert. Geändert hat sich aus Sicht der Schüler bisher allerdings gar nichts - trotz der vielen neuen Erlasse des Kultusministeriums.
Nur noch Schule, sonst nichts
Recht gibt ihnen die grüne Landtagsabgeordnete Christine Stahl: «Das Konzept für die neue Oberstufe ist völlig unausgereift und muss dringend auf den Prüfstand.» Mittlerweile ist die Schülermenge in der Bamberger Innenstadt angekommen, einige der Organisatoren nehmen wieder das Megaphon zur Hand. «Irgendwann hat das Reden nichts mehr gebracht», rufen sie. «Deswegen sind wir heute hier!» Und alle verstehen, was da mitklingen soll: Das hier ist keine Spaßveranstaltung. Auch wenn sie bisweilen so klingt. Jeder Satz wird von lautem Gejohle begleitet, jeder neue Redner gefeiert wie ein Popstar. Die Jugendlichen wollen zeigen, dass es um sie geht - der Protest ist persönlich geworden.
Drei, vier Eltern sehen etwas verloren aus in der jungen Menge, halten aber tapfer ihre Plakate gen Himmel. Uwe Scholz ist aus Mummelsdorf angereist, um seinen Sohn zu unterstützen - er würde das G 8 am liebsten wieder abschaffen: «Es gibt für die Kinder nur noch Schule, sonst nichts, das kann doch nicht sein.» Besonders eine Gruppe von Schülern weiß, wovon er spricht: Die, die jetzt erst ins Bamberger Zentrum strömen. Sie haben den Protestmarsch verpasst, um vormittags noch ihre Zeugnisse abzuholen.
Sarah Benecke |