|
|
 |
Feridun Zaimoglu im Interview |
| Zaimoglu hat in Fürth den Jakob-Wassermann-Preis erhalten |
| Feridun Zaimoglu im Interview |
 |
| Bitte Bild anklicken! |
 |
| Bitte Bild anklicken! |
|
Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu (Jahrgang 1964) ist mit dem Jakob-Wassermann-Preis der Stadt Fürth ausgezeichnet worden. Mit «Kanak Sprak« wurde der türkischstämmige Autor 1995 bekannt. Zuletzt sind von ihm die Romane «Leyla«, «Liebesbrand« und «Hinterland« erschienen.
Herr Zaimoglu, hat Ihnen der Name Jakob Wassermann schon vor der Preisverleihung etwas gesagt?
Feridun Zaimoglu: Ja sicher, ich kannte die Titel einiger seiner Bücher – allerdings hatte ich sie nicht gelesen. Das erste Mal bin ich vor rund zwanzig Jahren im «Buch der verbrannten Bücher« auf ihn gestoßen. Jetzt werde ich schon aus Dankbarkeit das eine oder andere Buch von ihm lesen.
Von Jakob Wassermann gibt es den berühmten Essay «Mein Weg als Deutscher und Jude«. Würde es Sie reizen, daran anknüpfend Ihren «Weg als Deutscher und Türke« zu beschreiben?
Zaimoglu: Das wäre kein Weg für mich, denn nach meinem Selbstverständnis bin ich Deutscher. Kulturkonflikte oder auch Kulturkollisionen als Folge der Migration in Deutschland gibt es zweifellos. Nur: Ich habe sie in dieser Härte nicht selber erlebt. Ich bin nicht Deutscher und Türke, sondern Deutscher mit türkischen Eltern. Das ist übrigens auch für meine Eltern ganz selbstverständlich. Sie gehören der ersten Generation der Türken in Deutschland an, sind inzwischen in die Türkei zurückgekehrt und sprechen von ihren «deutschen Kindern«. Damit meinen sie meine Schwester und mich.
Welche Rolle spielt Ihre türkische Herkunft für Ihre Literatur?
Zaimoglu: Eine prägende Erfahrung für mich waren die großartigen Erzählerinnen in meiner Großfamilie, also die Tradition der mündlichen Überlieferung. Als Kind habe ich aus dem Mund meiner Mutter, meiner Großmutter und meiner Tanten die spannenden Geschichten von der alten Zeit gehört, aber auch den Nachbarsklatsch. Aber sehr bald bin ich auch mit der deutschen Tradition in Kontakt gekommen. Das Sprachmächtige, Erzählerische wird ja gerne vergessen, aber es gibt einen magischen Realismus im Deutschen, die Grimmschen Märchen oder den Simplizissimus. Das sind die Erzählungen des einfachen Volkes. Deutsch war für mich bald schon mehr als ein Mittel, um mich verständlich zu machen. Ich habe mich in die deutsche Sprache verliebt.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang Heimat für Sie?
Zaimoglu: Das ist für mich eindeutig der Norden. Das Meer. Die Stadt Kiel. Meine Heimat ist Deutschland. Das sage ich ohne wenn und aber. Seit 41 Jahren lebe ich in Deutschland, deswegen kann ich sagen: Das ist mein Land.
Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass Sie in Deutschland angekommen und zu Hause sind, aber andere Menschen mit Migrationshintergrund das nicht schaffen?
Zaimoglu: Ich habe Probleme mit dem Wort «Migrationshintergrund«, weil es davon ablenkt, dass Menschen wie ich vor allem einen Migrationsvordergrund haben. Ich will nicht mit dem Rücken an der Wand zur Jammerfigur werden. Jeder von uns kann Geschichten zum Theme Zerrissenheit erzählen. Aber in meiner Familie waren sich alle klar darüber, dass einen Jammern nicht weiterbringt. Die Frage ist: Fühlt man sich eingesetzt oder ausgesetzt? Das ist eine Frage der Psychologie. Ich rechne es meinen Eltern hoch an, dass sie mir und meiner Schwester nie das Gefühl gaben, ausgesetzt zu sein. Mein Vater hat immer gesagt: Man spuckt nicht in den Topf, aus dem man isst.
Erlaubt Ihnen die türkische Herkunft einen besonderen Blick auf Deutschland und auf die Türkei?
Zaimoglu: Ich bin kein Kulturmakler, sondern ein einfacher Schreiber, der seine Geschichten anständig zu Papier bringen will. Der Kampf um die richtigen Worte ist hart. Das ist für mich existenzieller als Kulturvermittlungsversuche, die das Eigene gegen das Fremde ausspielen. Bei aller Liebe für das Fremde finde ich das Deutsche, die deutsche Sprache großartig. Ich bin gern dort, wo es üppig und schön ist. Die Türkei ist das Land meiner heißgeliebten Eltern. Wissen Sie, ich bin dort nur ein gut unterrichteter Tourist. Die Leute dort lachen, wenn ich türkisch spreche. Wichtig für meine Geschichten sind die Worte, das Ungestüm, unvergängliche Themen wie die Liebe zwischen Mann und Frau, Hass und Gewalt, Kummer und immer wieder die Liebe.
Sie stehen mit Ihren Büchern in bester Tradition der deutschen Romantiker. Schreiben Sie deshalb auch immer noch auf der Schreibmaschine?
Zaimoglu: Es stimmt, ich habe kein Auto und keinen Computer, aber ich bin kein Fortschrittsverweigerer. Ich lebe gerne in der Stadt, die Natur ödet mich an. Auf dem Land suche ich nicht die Unschuld. Es ist einfach so, dass ich mich an der Schreibmaschine besser konzentrieren kann. Die deutsche Romatik bedeutet für mich das berauschende Gefühl, dass alles bewohnt ist und dass man belohnt wird, wenn man die Augen aufsperrt. Dann sieht man die kleinen Wunder.
Sie haben so Ihre Zweifel am Fortschritt der Aufklärung...
Zaimoglu: Es ist weniger die Aufklärung als die Blödheit der Aufklärer, die mich nervt. Ich nehme der Aufklärung übel, dass sie sich über des Volkes Erzählungen hinweggesetzt hat. Dazu gehört auch, dass man die einfachen Menschen für dumm, rückständig und abergläubisch erklärt. Dieser Meinung bin ich nicht. Auf Bauernweisheiten, Wetterregeln, Fabeln und Märchen will ich nicht verzichten. Überheblichkeit ist mir zuwider. Ich hasse diejenigen, die auf die Schwachen einprügeln und sich damit profilieren wollen. Es hat zu allen Zeiten in der Politik solche Hampelmänner gegeben, die blöde Parolen schmettern. Das ist heute nicht anders.
Steffen Radlmaier |
| 8.3.2010 |
 |
| ©
NÜRNBERGER NACHRICHTEN |
|
|
|
| | Artikel empfehlen | E-Mail an die Redaktion | Zur Druckversion |
|
 |
ANZEIGE |
| |
35. BARDENTREFFEN
|
| |
|
| |
ANZEIGE |
| |
Bild des Tages
 Für eine größere Ansicht: Klick aufs Bild!
|
| |
Bildstrecken
|
| |
ANZEIGE |
| |
Alles was wichtig ist rund um die Szene in Nürnberg und noch viel mehr gibt es jetzt im nigelnagelneuen
Szene Extra!Einfach mal reinklicken |
| |
Aktuelle Videos
|
| |
RATGEBER Diese Seiten sind echtes Geld wert! Vergleichen Sie hier:Alle Ratgeber auf einen Blick finden Sie hier: |
| |
| NN-Filmkritik
|
|
Alle Filmkritiken aus den Nürnberger Nachrichten finden Sie
hier.
| |
| |
Meine kleine Welt
|
| |
NN-Gezwitscher
|
| |
|