 |
| Bitte Bild anklicken! |
|
NEU DELHI/NÜRNBERG - Mit einem großen »Danke Indien»-Banner verabschiedete sich die deutsche Hockey-Nationalmannschaft von ihren Gastgebern, die im WM-Finale leidenschaftlich Partei für den Titelverteidiger ergriffen hatten. Es half nichts, Australien krönte sich mit einem 2:1-Sieg zum Weltmeister, zurück in Deutschland war der Frust darüber nicht verflogen.
Müde baumelten die Silbermedaillen um den Hals, wie ein Warnschild signalisierten sie: Vorsicht, hier kommt ein Hockey-Spieler, der das WM-Finale verloren hat. Vize-Weltmeister – nein, dieser Pseudo-Titel passte nicht zu den Mienen, mit denen Nationalspieler Max Müller und Florian Woesch vom Nürnberger HTC sowie der Erlanger Teambetreuer Jochen Heimpel am Sonntag Nachmittag wieder fränkischen Boden betraten.
»Wir waren so nah dran», sagte Müller fast entschuldigend. Nah dran und doch vorbei am ersten Hattrick in der Geschichte der Hockey-WM. Eddie Ockenden (6.) und Luke Doerner (63.) nahmen beim 2:1-Sieg mit ihren Toren Revanche für die letzten beiden Final-Niederlagen Australiens gegen Deutschland. Anfangs hatte die DHB-Auswahl große Probleme, die unermüdlich attackierenden Australier in den Griff zu bekommen, Torwart Tim Jessulat durfte noch einmal ganz tief in die Trickkiste greifen. Moritz Fürste (48.) schaffte dann in dem dramatischen und hochklassigen Finale zwar den Ausgleich, überhaupt konnten die Deutschen in der zweiten Halbzeit den australischen Abwehrriegel immer öfter überlisten, doch Fürste (53.) und Müller (62.) vergaben zwei Strafecken, Doerner verwandelte seine, die Minuten rannten den Deutschen davon, dann war es vorbei.
Müller und Woesch reagierten im ersten Frust fränkisch-gefasst, andere wie Benjamin Weß heulten hemmungslos. Der Titelverteidiger hatte bravourös gekämpft, aber »wir waren insgesamt einen Tick zu ungefährlich im gegnerischen Viertel», räumte Müller ein, der sich am nächsten Tag nicht nur über seine vergebene Eckenchance ärgerte, sondern auch eine beunruhigende Serie registrierte: »Ich habe als Kapitän nach der EM und der Champions Trophy jetzt drei Endspiele verloren, das reicht mir langsam.»
Ein Trostpflaster
Bundestrainer Markus Weise hingegen schenkte seiner Mannschaft zumindest in Worten ein goldenes Fazit. »Bei unserem Stand haben wir das Optimale herausgeholt. Ich bin ja kein Freund von Superlativen, aber in meinem Rahmen bin ich sehr begeistert von meiner Mannschaft.» Da war es, das Trostpflaster für die lädierten Spielerseelen, denn als jüngstes Team des WM-Turniers besitzen sie exzellente Perspektiven. Es ist noch Luft nach oben, viel Luft sogar, denn mit Christopher und Philipp Zeller fehlten zum einen zwei wichtige Stützen, die beim olympischen Turnier 2012 in London wieder mit dabei sein sollen. Zum anderen rückt ein äußerst interessanter Jahrgang nach, der sich als Junioren-Weltmeister von 2009 empfiehlt. »Man muss die Leistung ausbauen und dafür ist ein höherer Konkurrenzdruck nötig», sagte Weise voller Optimismus.
Bester Defensivspieler
Außerdem hat er den weltbesten Abwehrspieler in seinem Kader, Max Müller wurde zum besten Defensivakteur des WM-Turniers gewählt und schleppte einen riesigen Pokal quer über Eurasien. Eine schöne Auszeichnung, sicher, »aber insgesamt ist er ein winziges Puzzleteil». Lieber Gold um den Hals statt dieses Sondergepäck – nein, den zweiten Platz wollen sie partout nicht als Erfolg, als etwas verrutschten Schlussakkord eines an sich glänzenden Turniers verbrämen. »Wieder im Finale verloren», brachte es Woesch auf den Punkt, dessen persönliche Bilanz seiner WM-Premiere ähnlich zwiespältig ausfiel: »Insgesamt bin ich zufrieden, aber mir fehlt noch die Konstanz.»
Konstant legendär sind seit jeher die Abschlussfeiern des deutschen Hockey-Teams, in Neu Delhi enterten sie im Laufe der Nacht die Hoteletage, auf der die Australier den Titel begossen, und machten gemeinsam Party. Vergessen war da der Frust, vergessen waren auch die Sicherheitsbedenken, ausgelöst durch eine Terrordrohung gegen das Turnier, mit enormem Personalaufwand hatte die indische Regierung entspannte Normalität suggeriert – soweit man bei einer Soldaten-Eskorte bei den Joggingrunden im Park von Normalität sprechen kann. Alles ging gut, allein im Finale, da lief sportlich etwas schief. So kehren sie nur als zweitbeste Hockey-Mannschaft der Welt wieder.
Ulrike Assmann |