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Die Formbarkeit der Masse Mensch

Tina Geißinger inszenierte Neil LaButes „Das Maß der Dinge“ in den Kammerspielen
 Die Formbarkeit der Masse Mensch
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Dass die Masse Mensch mitunter so formbar ist wie Knete, weiß man nicht erst, seit es Lifestyle-Magazine gibt, mit deren Hilfe man angeblich das Beste aus seinem Typ machen kann. Ovids Pygmalion schuf sich sein Ideal, Professor Higgins feilte an Eliza Doolittle, und deren harmlos-poppiges Abziehbild Julia Roberts ließ sich von Richard Gere zur salonfähigen „Pretty Woman“ aufpeppen.

Mit etwas mehr Drastik nimmt sich der amerikanische Dramatiker Neil LaBute (Jahrgang 1961) in seinem kleinen, bösen Episoden-Stück „Das Maß der Dinge“ des Metamorphosen-Stoffes an. In den Nürnberger Kammerspielen hatte die Zeitgeist-Tragödie um die männermanipulierende Kunststudentin Evelyn und ihr „Projekt“ Adam nun in der Regie von Tina Geißinger Premiere. Entstanden ist eine garantiert jugendfreie College-Story mit aufgeregt amerikanischem „Daily Soap“-Charme, die zugleich den Rahmen für den beachtenswerten Einstand der jungen neuen Ensemble-Mitglieder Susanne Bormann, Constantin Lücke und Gina Henkel abgab. Zusammen mit Marco Steeger holten sie sich bei ihrem ersten Auftritt herzlichen, lang anhaltenden Applaus ab.

Trotzdem bleibt es wohl das Geheimnis von Schauspielchef Klaus Kusenberg, wie viel Sinn es macht, ein Stück ins Repertoire zu nehmen, das bis vor kurzem als viel gelobte Eigeninszenierung im benachbarten Fürther Stadttheater zu sehen war — und dort ab Januar wieder auf dem Spielplan steht. Zumal die Nürnberger Inszenierung keine wirklich neue Deutung liefert.

Während das Publikum in Fürth auf der Drehbühne sitzt und mit ihr sinnfällig von Szene zu Szene rotiert, zappt man sich in Nürnberg via Disco-Sound im Blitzlicht-Leuchten am streckenweise spannungsarmen Handlungsstrang entlang. Irgendwo zwischen Labor, Museumsraum und Lifestyle-Wohnraum ist die leer gefegte Bühne (Frank Albert) angelegt.

Überschrittene Grenzen

In diesem wenig kuscheligen Ambiente verliebt sich der Student, Museumswärter und Anti-Womanizer Adam in die nassforsche Kunststudentin Evelyn. Diese Frau ist angetreten, um Grenzen zu überschreiten. Egal ob es die Markierung vor Kunstwerken ist oder die Grenzen ihrer Mitmenschen. Den schüchternen Adam hat das freche Girlie, das Susanne Bormann aufgeregt als eine Mischung aus supercooler Calamity-Jane und verführerischer Barbie gibt, schnell um den Finger gewickelt. Aus Liebe zu ihr speckt er ab, tauscht die Brille gegen Kontaktlinsen, gelt sich den Schopf und lässt sich sogar die Nase operieren. Während seiner wundersamen Wandlung vom Nobody zum süßen Sunnyboy (Constantin Lücke als hauptsächlich äußerlich wandelbarer Sympathieträger) kündigt er die Freundschaft zu Philipp und Jenny (Marco Steeger als bodenständiger Rufer in der Wüste und Gina Henkel als unsicheres Naivchen), lässt sich beim Sex mit Evelyn filmen.

Dialogaufwändig und mit Witz angereichert führt die Metamorphose schließlich zu einem Showdown mit etwas schalem Aha-Effekt: Adam ist nur das Objekt für Evelyns Diplom-Arbeit, bei der Präsentation führt sie ihn dem Publikum wissenschaftlich-kühl als Hampelmann vor. Seine Persönlichkeit hat sie souverän zerstört. Doch für echte Empathie seitens der Zuschauer ist in dem Stück kein Platz. Wie auch. Es war ja nur ein perfides Experiment. BIRGIT NÜCHTERLEIN

Weitere Aufführungen: 22., 27. Okt., 3., 16., 25., 30. Nov.; Kartentel.: 09 11/2 16 22 98.
17.10.2005
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