Fast einen Skandal leistete sich Dieter Althaus (CDU), Ministerpräsident von Thüringen, Anfang Oktober mit seinem Erfurter Dialog zum Thema Evolutionstheorie. Es hagelte harsche Kritik aus Wissenschaft und Politik. Von Wissenschaftsfeindlichkeit war die Rede. Althaus wollte mit der Veranstaltung Evolutionsgegnern eine Bühne geben. Ulrich Kutschera, renommierter Biologe und Befürworter der Evolutionstheorie, sagte seine Beteiligung ab, und daraufhin lud Althaus auch den Evolutionskritiker Siegfried Scherer wieder aus.
Obgleich die Aufregung auf dem politischen Parkett fürs erste überstanden ist, bleiben die fraglichen Diskussionspunkte Thema der Medien: Stammen wir vom Affen ab oder von Adam und Eva? Löst die Biologie das Rätsel des Lebens oder der Glaube an Gott und die Bibel?
Die Streiterei scheint auf den ersten Blick eine zwischen Biologen zu sein. Wissenschaftliches Anliegen von Leuten wie Kutschera ist, Veränderungen und Neuentstehung von Tierarten zu erforschen. Ihre Stammesgeschichte lässt sich zwar nicht mit Experimenten ermitteln, aber mit Fossilien historisch nachvollziehen. Dass diese Wandlungen der Lebewesen überhaupt stattgefunden haben, bezweifeln allerdings Evolutionsgegner wie Scherer. Sie argumentieren von der Bibel aus und sehen die Natur als Gottes Schöpfung.
Damit betrifft das Scharmützel aber nicht mehr nur die Wissenschaft, sondern zielt auf menschliches Selbstverständnis und geht jeden etwas an. In der Biologie gibt es über die Evolutionstheorie keine wissenschaftliche Auseinandersetzung, überblickt der Tübinger Evolutionsbiologe Thomas Junker die Situation. Er hat zur Evolutionstheorie von Charles Darwin im 19. Jahrhundert gearbeitet und stellt richtig: Der aktuelle Streit spielt sich zwischen Wissenschaftlern auf der einen Seite und religiös motivierten Menschen auf der anderen Seite ab.
Bei den Evolutionsgegnern gehe es nicht um Wissenschaft. Ihre Ansichten stünden nur auf deren Privatagenda. Ähnlich sieht Ulrich Kutschera, Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Universität Kassel, in der Verschiedenheit der Perspektiven das eigentliche Problem. Glaube und Wissen sollten nicht vermengt werden, wie es die Verkünder der ‚Schöpfungstheorie’ tun. Ich kenne bedeutende Biologen, die vom Konzept Evolution überzeugt sind und dennoch als gläubige Christen regelmäßig in die Kirche gehen.
Siegfried Scherers Aktivitäten und Äußerungen zeigen, wie man mit einem Mix aus Biologie und Religion Gehör findet. Er ist nicht nur Professor für Mikrobiologie an der TU München, sondern auch Vorsitzender der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen in Baiersbronn. 1979 gegründet, macht sich der Verein für eine biblisch-religiöse Deutung des Lebens stark. Es gehe um Denkhilfen, damit Christen in Deutschland wissenschaftliche Erkenntnisse und den Glauben an Jesus Christus miteinander verbinden könnten, gibt der Verein Auskunft.
Als Evolutionsgegner gehen sie davon aus, dass die Lebewesen auf der Erde aus äußerst komplizierten Teilen zusammengesetzt sind, ihr Entstehen sich aber nicht durch Veränderungen (Mutationen) der Gene und Selektion erklären lasse. Vielmehr steht für sie der christliche Gott an erster Stelle. Als intelligenter Designer habe er die Lebewesen perfekt erschaffen, so dass eine Evolution gar nicht vonnöten sei.
In Interviews zeigt sich deutlich, wie in Scherers Brust zwei verschiedene Herzen schlagen. So begründet er seine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Todes zunächst mit seinem Glauben. Ich glaube, dass der Tod eine Folge des Sündenfalls des ersten Menschenpaares Adam und Eva ist. Vorher sind Menschen (und auch Tiere) nicht gestorben. Dennoch blieben viele solcher Aussagen wissenschaftlich für uns problematisch, gibt der Biologe Scherer zu.
Ihre Ansichten will die Studiengemeinschaft nach Auskunft ihres Geschäftsführers Reinhard Junker nicht politisch durchsetzen - ganz im Gegensatz zu den Vertretern des Intelligenten Designs (ID) in den USA, dem auch Präsident George W. Bush anhängt. In den USA versucht man die Position des ID auf rechtlichem Wege in den Schulen durchzusetzen, grenzt sich Junker ab. Wir wollen die Leute inhaltlich überzeugen. So gehöre die Schöpfungslehre in den Religionsunterricht und nicht in das Fach Biologie. Dennoch wollen die Evolutionsgegner ihre Kritik in der Biologie ernst genommen wissen.
Versammelt hat der promovierte Theologe seine Einwände zusammen mit Siegfried Scherer in dem Buch Evolution - ein kritisches Lehrbuch. Zur Zeit ist es vergriffen und wird 2006 in sechster Auflage erscheinen. Liest man Rezensionen des Buches im Internet, stößt es bei Lesern auf reges Interesse und Akzeptanz. Das Buch ist sehr gut aufgemacht, mit sehr vielen Bildern und hat einen niedrigen Preis, so der Wissenschaftler Thomas Junker. Was ihn aber auch hier zutiefst stört, ist die Vermengung von Biologie und Religion. An manchen Stellen werden religiöse Ideen einfach als wissenschaftliche verkauft.
Die Studiengemeinschaft versteht ihr Buch lediglich als zusätzliches Informationsangebot für Lehrer und Schüler, in dem biologische Daten alternativ gedeutet würden. Ein Interesse, es an deutschen Schulen einzuführen, hat sie angeblich nicht. Darüber hinaus vertreiben die Mitglieder von Wort und Wissen Schriften zur Schöpfungslehre und die evolutionskritische Zeitschrift Studium Integrale Journal, die auch von der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg seit der ersten Ausgabe 1994 abonniert wird.
Die Vertreter des intelligenten Designers argumentieren aber nicht nur mit der biblischen Geschichte. Evolutionsgegner Reinhard Junker attackiert das wissenschaftliche Arbeiten der Biologen. Es gebe keine Beweise, nur Indizien, dass der Mensch vom Affen abstamme, meint er. Sie hätten jedoch keinen zwingenden Charakter.
Außerdem erkläre die Evolutionsbiologie nicht, wie bei Organismen neue Bauteile entstanden seien. Als Gesamtanschauung ist die Evolutionstheorie nicht gesichert. Die Vorstellung, dass die Natur planvoll und zweckmäßig angelegt sei, dränge sich da auf. Im alltäglichen Leben gehen wir ständig davon aus, dass alles einen Urheber hat. So wie jemand ein Werkzeug herstellt, hat auch der Mensch einen Schöpfer.
Wenn Lebewesen von einem intelligenten Designer perfekt geschaffen wären, wendet sich Kutschera gegen die ID-Grundannahme, dann würde der Mensch keine Bandscheibenprobleme bekommen und nicht an Krebs sterben.
Trotz aller Schelte aus Wissenschaft und Medien halten Junker und Scherer an ihrer Position fest. Wenn es notwendig ist, so der religiöse Tenor ihrer Reaktion, wird unser Gott schon für das Richtige sorgen. Wichtig ist für sie vor allem, dass Gott uns bei aller sachlichen Klarheit und Entschiedenheit Liebe für unsere Kontrahenten schenkt.
Der perfekte Mensch
stirbt nicht an Krebs.
ALEXANDRA NIESSEN |