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Vom „biologischen Vorteil“ eines Tumors

Vortragsabend über die gefährliche Krebs-Theorie von Ryke Geerd Hamer — Heilung durch Nichtstun
 Vom „biologischen Vorteil“ eines Tumors
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Seinen Anhängern gilt er als Genie, Kritikern als gefährlicher Scharlatan. Die von Ryke Geerd Hamer erfundene „Germanische Neue Medizin“ verspricht: „Krebs ist heilbar“ - ohne Chemotherapie und Bestrahlung.

LAUF — Der Mann aus Österreich, der an diesem Abend im Wollnersaal in Lauf gut drei Stunden lang über „Die Eiserne Regel des Krebs“, über die „Fünf Biologischen Naturgesetze“ oder die Hamerschen Herde referiert, ist den meisten der rund 40 Zuhörer zumindest aus den Medien bekannt. Vor zehn Jahren sorgte Helmut Pilhar gemeinsam mit seiner Frau und der damals sechsjährigen Tochter Olivia für Schlagzeilen. Nach Spanien waren die Eltern damals mit dem an einem Nierentumor leidenden Kind geflohen, um ihm Chemotherapie und Operation zu ersparen. Nach der Lehre des deutschen Arztes Ryke Geerd Hamer wollten sie ohne Behandlung auf eine Spontanheilung warten. Polizei und Behörden spürten die Familie auf, entzogen den Eltern das Sorgerecht und veranlassten die Einweisung Olivias in eine Krebsklinik. Das Kind wurde operiert und einer Chemotherapie unterzogen. Es wurde knapp dem Tod entrissen, sagten hinterher die Ärzte. Es wurde zwangsbehandelt und fast zu

Tode therapiert, sagen auch heute noch die Eltern.

Harte Bandagen

Im Streit um den richtigen medizinischen Umgang mit Krebs wird mit harten Bandagen gekämpft. Es geht um letzte Hoffnungen, Ängste, Selbstbestimmtheit von Patienten und ärztliche Verantwortung. Es geht um Leben und Tod. Und es geht natürlich auch um sehr viel Geld. Um die Macht der Pharmaindustrie, um die Rolle der Medien. Stoff, der kritisches Misstrauen genauso nähren kann wie absurdeste Verschwörungstheorien oder kriminelle Geschäftsideen.

Im Fall Ryke Geerd Hamers kommt zu all dem auch noch eine tragische, persönliche Vorgeschichte hinzu. 1978 stirbt der Sohn des Internisten an den Folgen eines Gewehrschusses. Wenige Monate später erkrankt Hamer an Hodenkrebs. Er lässt sich zwar operieren, verweigert aber jede Chemotherapie. Der Arzt studiert ähnliche Patientengeschichten und kommt zu dem Schluss, dass Hodenkrebserkrankungen in allen Fällen ein Verlusterlebnis vorangegangen sei. Er entwickelt eine Theorie („Die eiserne Regel“), die jeder Tumorart einen speziellen psychischen Konflikt zuordnet. Per Computertomografie ließen sich diese Störungen an bestimmten Orten des Gehirns („Hamersche Herde“) abbilden. Und er behauptet, die Patienten müssten lediglich ihren Konflikt lösen und dürften dann in einer zweiten Krankheitsphase auf die Selbstheilung ihres Krebsleidens hoffen.

Die Universität Tübingen lehnt eine Habilitationsschrift Hamers, in der er seine Lehre ausbreitet, ab. Dem Arzt wird 1986 die Approbation entzogen. Weil er weiter Patienten behandelt, wird er zwei Mal rechtskräftig verurteilt. Nachdem Anhängerinnen des Arztes in Frankreich Krebspatienten im Sinne der Hamerschen Lehre bis zu deren Tod von einer konventionellen Behandlung abraten, wird der Deutsche dort in Abwesenheit zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, in Spanien festgenommen und ausgeliefert. Derzeit sitzt Hamer bei Paris in Haft.

Für die Ausbreitung seiner Lehre sorgt unverdrossen der Ingenieur Helmut Pilhar. 150 bis 200 Vorträge hält er jährlich. In Seminaren bildet er außerdem so genannte „Stammtisch“-Leiter aus, die die Hamer-Theorie unters Volk bringen sollen. Nicht nur dem Krebs, auch anderen schweren Erkrankungen nimmt Pilhar in seinem Vortrag den Schrecken. „Teil eines sinnvollen biologischen Sonderprogramms“ seien sie. Das klingt mal hoffnungslos naiv, mal zynisch. Tuberkuloseepidemien nach dem Weltkrieg haben da plötzlich nichts mehr mit Masseninfektionen, sondern mit der zuvor gemeinsam durchgestandenen Todesangst zu tun. Und Eierstockzysten werden zum regelrechten Glücksfall, weil sie die Östrogenproduktion anregen und für jüngeres Aussehen sorgen. „Keine Frau, die von der Germanischen Neuen Medizin Ahnung hat, würde sich diesen biologischen Vorteil wegoperieren lassen“, sagt Pilhar allen Ernstes.

Antisemitischer Wahn

Die endgültig unappetitlichen Wahnvorstellungen, die die angebliche Unterdrückung der Hamerschen Erkenntnisse einer jüdischen Weltverschwörung zuschreiben, breitet Pilhar nicht aus. Sie findet man auf den einschlägigen Internetseiten der „Germanischen Neuen Medizin“, von denen denn auch nur wenige Links schnurstracks zur sächsischen NPD führen. Diese Information erschreckt den Veranstalter des Laufer Abends. ÖDP-Kreisvorsitzender Walter Stadelmann versichert glaubhaft, von all dem nichts gewusst zu haben.

„Der Realitätsverlust Hamers beschränkt sich nicht auf den medizinischen Bereich“, sagt Markus Horneber, Leiter der Arbeitsgruppe Biologische Krebstherapie am Nürnberger Klinikum. Er räumt aber ein, dass die Empfänglichkeit bei manchen Patienten für alternative Ansätze durch Versäumnisse der etablierten Medizin mit begründet ist. „Bereitschaft zum Dialog“ fordert er. Ryke Geerd Hamer darf darauf nicht zählen: „Er hat sich aus dem Kreis der Ärzte hinausmanövriert.“

HANS-PETER KASTENHUBER
19.11.2005
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