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Das Schiller-Jahr endet mit einem Blutbad |
| Nürnberger Schauspielpremiere: Die Räuber |
| Das Schiller-Jahr endet mit einem Blutbad |
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Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht. Gerne wird der Premierenbesucher zitiert, der 1782 die Uraufführung von Friedrich Schillers wüstem Schauspiel Die Räuber im Mannheimer Nationaltheater erlebte. Zum Ende des Schiller-Jahres 2006 hat sich Georg Schmiedleitner viel Mühe gegeben, hinter dem deutschen Klassiker den jungen Wilden von damals zu entdecken und ein schönes Blutbad mit Sex & Crime auf der Bühne anzurichten. Bloß kein falsches Pathos! Bloß keine Denkmalspflege! Bloß keine Pflichtübung!
Jedenfalls ist es im Nürnberger Schauspielhaus seit langem nicht mehr so heftig und deftig zur Sache gegangen. Am Ende, nach zweieinhalb Stunden ohne Pause, hat es dann trotz aller Anstrengung doch nicht zum Skandal gelangt. Etliche, vor allem ältere Besucher verließen das Theater eilig, während die Buh-Rufer im Publikum ziemlich schnell von den Bravo-Rufern überstimmt wurden. Es rollten zwar Augen, aber in Ohnmacht fiel meines Wissens niemand. Immerhin herrscht im Nürnberg Theater (wenn schon nicht im richtigen Leben) wieder mal Leidenschaft statt Langeweile.
Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum . . . Pfui! Pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert! Karl von Moors programmatische Abrechnung mit dem Zeitgeist stellt der Regisseur an den Anfang seiner Inzsenierung, die auf unbedingter Aktualität beharrt. Dazu wurde die Guckkastenbühne von Florian Parbs umgebaut: Eine leere, rechteckige Spielfläche ragt weit in den Zuschauerraum des Schauspielhauses hinein. Auf der Hinterbühne ist eine Tribüne errichtet, so dass sich die Zuschauer gegenübersitzen. Soll heißen: Hier wird unsere Sache verhandelt.
Was die genau sein soll, wird allerdings nicht so recht klar (teilweise auch deshalb, weil die nach zwei Seiten sprechenden Schauspieler nur schwer zu verstehen sind). Der erfolgsgewöhnte Nürnberger Hausregisseur Georg Schmiedleitner, der eine unverkennbare Handschrift bei viel diskutierten Klassiker-Inszenierungen entwickelt und zuletzt auch bei zeitgenössischen Stücken wie Unschuld oder Der Bus bewiesen hat, setzt hier auf eine grelle Mischung aus Publikumsbeschimpfung, Mitmach-Theater, Apocalypse Now und Rocky Horror Picture Show. Schocktherapie für Schiller.
Schluss mit lustig
Gleich zu Beginn pöbeln die Räuber das Publikum an, während im Hintergrund eine Live-Band dazu den lärmigen Soundtrack liefert. Den im TV-und Video-Zeitalter hartgesottenen Zuschauern wird einiges geboten (bzw. zugemutet) fürs Geld: Große Gefühle, jede Menge Kunstblut und (in den ersten Reihen) Flecken auf der Kleidung. Da werden Südfrüchte zerquetscht und Melonen geschlachtet, Wasserpistolen eingesetzt und Bierflaschen geleert.
Doch kaum merklich kippt das Ganze und aus dem Amüsierbetrieb der Spaßgesellschaft wird blutiger Ernst: Die gesetzlose Räuberbande stürzt sich in eine Orgie der Gewalt. Hilflos muss der alte Moor (Frank Damerius) zusehen, wie alles den Bach runtergeht. Seine beiden verfeindeten Söhne tragen nach Kräften dazu bei. Karl (als Gast: Dirk Nocker) ist ein eitler Hitzkopf, der schnell tödlich beleidigt ist. Franz, die intrigante Kanaille (Andreas Uhse), treibt die Familientragödie gezielt auf die Spitze und geht dabei über Leichen. Da hat auch Amalia, die einzige Lichtgestalt (Susanne Bormann), kaum eine Chance. Das Böse triumphiert.
Georg Schmiedleitner gelingen drastische Szenen und eindringliche Bilder, allerdings zum Teil auf Kosten von Schillers Sprache. Dabei verlangt er dem beeindruckenden Ensemble einiges ab: Die Vergewaltigungsszene zwischen Franz und Amalia ist an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Wenn der Räuber Roller (Stefan Lorch) gefoltert wird, denkt man automatisch an Guantanamo Bay.
Auch in der Räuberbande, längst keine reine Männersache mehr, geht es nicht zimperlich zu. Zur Abwechslung vom blutigen Tagesgeschäft saufen sich die einen um den Verstand, während Spiegelberg (Rolf Kindermann) es mit Razmann (Nicola Lembach) treibt. Und bevor es zum endgültigen Showdown kommt, macht sich der von Furien gejagte Franz buchstäblich vor Angst in die Hosen.
Aber was will uns der Regisseur mit alledem sagen? Er zeigt eine in Auflösung begriffene Endzeit-Gesellschaft, heil- und ratlos. Flotte Werbekampagnen ändern daran nichts. Du bist Schiller? Von wegen: Wir sind die Räuber! STEFFEN RADLMAIER
Weitere Vorstellungen: 27. und 29. Dezember; 5., 17., 22., 27. und 28. Januar. Karten-Telefon.: 09 11/2 16 22 98. |
| 19.12.2005 |
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