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25.02.2006
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Kommentar:

Das Unbehagen wächst

Wem dient die Wirtschaft?
 Das Unbehagen wächst
Das Schicksal des Nürnberger AEG-Werks, das trotz rentabler Produktion vor der Schließung steht, wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die vielen Angst macht. Wem dient die Wirtschaft, fragen sie — und stellen fest: Immer weniger den Arbeitnehmern, immer weniger auch der Allgemeinheit — und immer mehr einem kleinen Kreis von Anteilseignern und Managern.

Es sind keineswegs nur linke Sektierer, denen dieser Trend Sorgen macht. Auch bürgerliche Kreise und Konservative können nicht nachvollziehen, dass Firmen teils so hohe Gewinne machen, dass sie international auf Einkaufstour gehen, und trotzdem profitable Standorte schließen, weil sie anderswo noch mehr herausholen. Es gehe inzwischen auch um die Akzeptanz unserer Wirtschaftsordnung bei den Menschen, sagte etwa Edmund Stoiber mit Blick auf AEG.

Und Papst Benedikt XVI. nahm in seiner ersten Enzyklika die Tradition seiner Vorgänger auf, Exzesse des Kapitalismus kritisch zu beleuchten. Jeder müsse «seinen Anteil an den Gütern der Gemeinschaft“ erhalten, forderte der Papst mit Blick auf die wachsende Schieflage zwischen Armut und Reichtum. Und er erinnerte auch die Politik an ihre Kernaufgabe, nämlich das Streben nach Gerechtigkeit — ein Staat, der sich darum nicht kümmere, sei nichts anderes als eine «große Räuberbande“, zitierte Joseph Ratzinger den Kirchenvater Augustinus.

Abgekoppelte Manager-Elite

Deutlicher geht es nicht. Fragt sich nur, ob derartig ethisch-moralische Mahnungen diejenigen überhaupt erreichen, die sie angehen. Wer das Verhalten mancher Manager betrachtet, kommt eher zum Eindruck, solche Belehrungen seien ihnen reichlich gleichgültig. Zu beobachten ist eine Abkoppelung der global agierenden Wirtschaftseliten vom Rest der Bevölkerung.

Gut, dass nicht alle so abgehoben agieren wie etwa Josef Ackermann von der Deutschen Bank. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking etwa schrieb seinen Kollegen Sätze ins Stammbuch, die viele vergessen: Profitorientierung sei nicht alles, wenn man seine Rolle in der Gesellschaft und damit seine Existenz auf festen Boden stellen wolle, sagte er und legte ein Bekenntnis zum Standort Deutschland ab: «Hier hat unser Unternehmen seine Wurzeln, haben unsere Mitarbeiter ihre Heimat.“ Eine Ausnahme? Nein: Viele erfolgreiche Firmen haben den Wert ihrer Beschäftigten längst erkannt, setzen auf hochwertige Produkte, die von gut aus- und weitergebildeten Mitarbeitern hergestellt werden. Beispiele für funktionierende Sozialpartnerschaft gibt es genug, auch im Raum Nürnberg. Aber die Extremfälle nehmen zu, in denen kurzfristiges Profitdenken gewachsene, bewährte Strukturen zerstört.

Spät wiederentdeckter Konsens

Dass sich nun angesichts der Exzesse eines nur noch brutalen Kapitalismus auch konservative Politiker an den Wert guter Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und -gebern und damit an den Kern des Erfolgs der sozialen Marktwirtschaft erinnern, das ist sicherlich zu begrüßen. Wobei nicht vergessen werden darf, dass es oft dieselben Politiker waren, die neoliberalen Einflüsterungen folgten: Jahrelang forderten sie eben die Zerschlagung jenes Konsens-Modells, das zusehends von radikal einseitigen, weil ausschließlich profitorientierten Managern aufgekündigt wird.

Das wachsende Unbehagen über eine Wirtschaft, die das Gemeinwohl grob missachtet, sollte ihnen zu denken geben. Denn die Verbraucher erkennen ihre Macht und boykottieren rasch Marken, die ihre Beschäftigten wie Ware behandeln. Spätestens an diesem Punkt sind auch solche Unternehmer zu treffen: Wenn der Umsatz sinkt, weil die Kunden abwandern oder weil sie sich die Produkte aus Sorge vor drohendem Stellen-Verlust schlicht nicht mehr leisten können und als Verbraucher ausfallen — dann kommen vielleicht auch rein zahlen-orientierte Manager mal ins Grübeln.

ALEXANDER JUNGKUNZ
25.2.2006
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