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Bekenntnis zur Verwundbarkeit der Welt |
| Abschied vom angenehmen Ich-Erzählen: Wie der 11. September 2001 die Literatur verändert |
| Bekenntnis zur Verwundbarkeit der Welt |
Endlich ein wirkliches Leben: V. S. Naipaul hat nicht Recht behalten. Als der US-Schriftsteller im Dezember 2001 den Nobelpreis für Literatur empfing, verkündete er in seiner Stockholmer Rede das Ende des Romans. Er sei eine Kunsterfindung des 19. Jahrhunderts, untauglich, um den Gefahren der Moderne standzuhalten und von einer verrätselten Welt zu erzählen. Naipaul stand unter dem unmittelbaren Eindruck des 11. September 2001, deshalb fiel sein Urteil harsch aus.
Fünf Jahre später ist zu konstatieren: Der apokalyptische Anschlag muslimischer Terroristen in New York, gefolgt von den Attacken in Madrid und London, hat die Literatur herausgefordert, die Welt anders zu deuten. Der Einbruch einer überraschenden Realität - voll besetzte Passagierflugzeuge krachen in Wolkenkratzer, eine Staublawine deckt eine Stadt zu -, hat zum Ende der Wirklichkeitsvermeidung geführt, indem vor allem die Generation der ihren Bauchnabel betrachtenden individualistischen Autoren ihre Arbeitsweise überdachte. Das zähe geistige Isolationsmaterial, das Ich-Bedürfnisse von der Wahrnehmung der Welt trennte, bröckelt rasant. Für manche/n Dichter/in sichtlich ein Schock, eine existenzielle Urerfahrung.
Wolke aus Asche
Das betrifft vor allem die US-amerikanische, aber auch die angelsächsische Literatur. Sie ist ernster, welthaltiger geworden, soziale Fragen und Themen finden größere Resonanz. Ein Beispiel dafür ist Paul Austers letzter Roman «Brooklyn Revue, in dem er seinen Helden in den Verwirrungen einer multikulturellen Welt agieren und darüber zu profunder Zufriedenheit gelangen lässt. Bis der Morgen des 11. September anbricht und es «trieb der Rauch von dreitausend verbrannten Leibern auf Brooklyn zu und regnete als weiße Wolke aus Asche und Tod auf uns hernieder.
Ian McEwan in «Saturday (Diogenes), Jonathan Safran Foer in «Extrem laut und unglaublich nah (Kiepenheuer & Witsch), John Updike in «Terrorist (Rowohlt), sogar der Popliterat Bret Easton Ellis in «Lunar Park (Heyne), der erfolgreichste US-Debütant des Jahres, Benjamin Kunkel, in «Unentschlossen (Bloomsbury) und der Engländer Chris Cleave in «Lieber Osama (Rowohlt), der einen fiktiven Terroranschlag auf ein Londoner Stadion schildert: Alle suchen Antwort auf die Frage, wie es nach «9/11 weitergehen soll.
Auch deutsche Autoren schreiben nicht mehr nur über Einsamkeit und Unverstandensein, hohle Liebeserfahrungen und ein sinnentfremdetes Leben. Kathrin Röggla befand sich während des Anschlags in New York und protokollierte die Ereignisse in aufregender Erkenntnisprosa unter dem Titel «really ground zero (S. Fischer) und mit der Einsicht: «jetzt also habe ich ein leben. ein wirkliches.
Thomas Hettche befasst sich in «Woraus wir gemacht sind (Kiepenheuer & Witsch) mit Geschichte und Politik, mit den Folgen von Hass, Ausgrenzung und Ignoranz und kommt auf den Ursache-Wirkung-Effekt. Katharina Hacker reflektiert kühl und ernüchternd die fatalen sozialen Folgen für ihre Generation in ihrem Roman mit dem programmatischen Titel «Die Habenichtse (Suhrkamp). Diese Werke sind eindeutige Reflexe auf die Verunsicherung, die wirtschaftliche Talfahrt und die menschenfeindliche Seite der Globalisierung.
Die Befindlichkeit der anderen
Literaten verlassen die Sphäre des Hedonismus und bekennen sich zur Verwundbarkeit der Welt, in der sie leben - und damit zur eigenen Verwundbarkeit. Literatur ist kein Schonraum mehr für Individualitätsgeraune. Das angenehme Ich-Erzählen, das Aufreihen hübsch angerichteter Belanglosigkeiten ist zwar noch nicht unmöglich geworden, aber immer mehr verpönt. Statt um die eigene Befindlichkeit zu kreisen, wird über die anderer nachgedacht und über das, was Menschen überhaupt miteinander teilen und was sie verbindet. Vorbei ist die Zeit, in der wir gleichgültig bleiben, «wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen (Goethe).
Es gab auch das waghalsige Erobernwollen des Unfassbaren. Der Franzose Frédéric Beigbeder versuchte es mit «Windows of the World (Ullstein), in dem er fiktive Geschichten der Opfer des Angriffs auf das World Trade Center erzählte und das Ganze mit Sex im Angesicht des Todes auflud. Er hoffte auf kommerziellen Erfolg, scheiterte und verärgerte das Publikum, der Roman geriet schnell in Vergessenheit. Wir brauchen das Buch zu 9/11 ebenso wenig wie den Wenderoman. Wir brauchen Geschichten vom Leben, Lieben, Leiden und Hoffen in Zeiten des modernen Massenmords. ROLAND MISCHKE |
| 8.9.2006 |
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