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| Kommentar: |
Schulpflicht ist Kinderrecht |
| Warum Homeschooling nicht die Lösung sein kann |
| Schulpflicht ist Kinderrecht |
Es herrscht große Aufregung in den Internet-Foren, die dieser Tage den Fall der 15-jährigen Amina diskutieren. Die Geschichte des Mädchens dient vor allem den Befürwortern der Homeschooling-Bewegung als Beleg für die Unmenschlichkeit, mit der der Staat die Schulpflicht durchsetzt. Von Menschenrechtsverletzung ist da die Rede, vom Eingriff in das Aufenthaltsbestimmungsrecht der Eltern und davon, dass es die Schulpflicht nur in Deutschland gebe, was niemand anderem als Adolf Hitler zu verdanken sei. Womit dann endlich das durch und durch Böse dieser Einrichtung nachgewiesen wäre.
Tatsächlich ist die Idee zur Schulpflicht ein Kind der Aufklärung. Wer da in erster Linie verpflichtet wurde, zeigt die lange Geschichte ihrer Durchsetzung. Über die in Bayern 1802 erlassene Unterrichtspflicht, die von Eltern verlangte, ihren Kindern irgendwie die Möglichkeit zu verschaffen, lesen, schreiben und rechnen zu lernen, dauerte es bis 1919, ehe die Pflicht zum Schulbesuch für jedes Kind in Deutschland gesetzlich festgeschrieben war. Aus Bürgersicht wurde dem Staat damit eine große Errungenschaft abgetrotzt: das Schulrecht. Der Staat musste dafür sorgen, dass unabhängig von Stand und Vermögen die Kinder aller Familien wenigstens eine Basisbildung erhielten. Es geht um die Grundlage der Chancengleichheit.
«Denken heißt vergleichen»
Und es geht in allererster Linie um ein Recht der Kinder. Nicht nur um das auf Alphabetisierung und die Kenntnis der Grundrechenarten. Kinder haben außerdem das Recht, die Welt nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel ihrer Eltern kennen zu lernen. Wer in Nürnberg U-Bahn fährt, kann täglich den Spruch Walther Rathenaus lesen: «Denken heißt vergleichen.» Wer als Homeschooling-Schüler in den wichtigsten Jahren seiner Persönlichkeitsentwicklung ausschließlich von seinen Eltern mit Bildungs- und Wissensstoff gefüttert wird, dem kann im schlechteren Fall jede Möglichkeit zum Vergleich fehlen.
In einer pluralen Welt darf jeder Erwachsene für sich entscheiden, ob er an die Evolutionstheorie glaubt oder ob er sich bei der Frage «Wie kam der Mensch in die Welt?» lieber wörtlich an die Geschichten des Alten Testaments halten möchte. Kinder aber müssen die Freiheit haben, den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft überhaupt zu begegnen.
Dieses Recht darf ihnen auch von den Eltern nicht genommen werden. Wer durch die Internet-Foren der Homeschooling-Anhänger surft, die sich auf den Fall Amina stürzten, stößt aber immer wieder auf genau solche Motive. Aus fundamentalistisch-religiösen Gründen wird dafür plädiert, Kindern Teufelszeug wie Sexualkunde oder Evolutionstheorie zu ersparen.
Eltern müssen loslassen
Kindererziehung heißt immer auch loslassen. So wenig, wie Kinder dem Staat gehören, gehören sie den Eltern. Niemand hat das Recht, seinen Nachwuchs einzusperren. Auch nicht in die Mauern seiner eigenen engen Welterklärung.
Schule ist nicht nur ein Lernort, sie ist auch ein wichtiger Lebens- und Begegnungsort für junge Menschen. Zugegebenermaßen keiner, an dem alles funktioniert. Wer Zeitung liest, weiß, mit welchen Problemen und Missständen unsere Schulen zu kämpfen haben. Es gibt deshalb sicher viele gute Gründe, sich für grundlegende Veränderungen an den staatlichen Bildungeinrichtungen einzusetzen. Möglicherweise auch viele gute Gründe dafür, Kinder auf - staatlich anerkannte - Privatschulen mit besseren pädagogischen Konzepten zu schicken.
An der Sinnhaftigkeit der Schulpflicht ändert das nichts. Ihre Durchsetzung ist kein obrigkeitsstaatlicher Willkürakt, sondern Schutz von Kinderrechten.
Hans-peter Kastenhuber |
| 26.2.2007 |
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