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Der schöne goldene DFB-Pokal steht seit gestern wieder in Berlin – das letzte Fünkchen vom Nürnberger Fußball-Glanz ist dahin, und irgendwie passte es auf eine furchtbar traurige Weise zusammen, dass dieser 1. FC Nürnberg, im Mai 2007 gefeiert als Pokalsieger, jetzt gegen jenen VfB Stuttgart einen neuen Tiefpunkt erlebte, gegen den man das Berliner Finale vor elf Monaten so wundervoll gewonnen hatte.
Nürnbergs Fußball hat die Menschen so glücklich gemacht wie seit Jahrzehnten nicht mehr – jetzt sind sie einfach nur traurig. Einsam, ratlos, enttäuscht. Sie fluchen noch nicht einmal. Allenfalls weinen sie jetzt.
Dieser Abstieg ist anders als alle bisherigen – es ist ein leiser, manchmal beklemmend stiller Niedergang, den weder Volkszorn noch mediale Donnerschläge begleiten. Im Gegenteil: Der treue Anhang hält mit einer anrührenden, irgendwie verzweifelten Liebe zu diesem Club, beim Rest der Fußballfreunde überwiegt eher das Mitleid – und selbst die Medien haben es an Wohlwollen nie fehlen lassen.
Das ist vielleicht das schlimmste daran: Dass keiner genau weiß, was exakt man dieser Mannschaft vorwerfen könnte – mit Ausnahme ihrer wiederkehrenden Verzagtheit, über deren Gründe nach Hans Meyer mit Thomas von Heesen indes schon der zweite Trainer leise verzweifelt. Dieser 1. FC Nürnberg ist ein Rätsel: sich selbst, seinen Fans und den kritischen Beobachtern. Zuletzt zart hoffnungsvollen Auftritten folgte mit dem völlig desillusionierenden 0:3 in Stuttgart eine Art sportlicher Offenbarungseid – einer Mannschaft, die mehr und mehr den Eindruck macht, sich mit ihrem vermeintlichen Schicksal irgendwie längst arrangiert zu haben.
Traurig, einsam, ratlos, enttäuscht – so sehen auch die Fußballer aus, die in einer Mischung aus ein bisschen Verzweiflung, etwas Selbstmitleid und mitunter ungläubigem Staunen über den eigenen Niedergang genau das Gegenteil einer Abstiegskampf-Mentalität entwickelt haben. Sie haben es verdrängt und aufgeschoben – und darüber den Zeitpunkt zur Wende verpasst.
Es fehlt diesen Nürnbergern nicht an Charakter, das wäre ein platter, abgedroschener Vorwurf. Es fehlt ihnen an der Qualität, sich zu wehren. Sie fluchen nicht. Sie verzweifeln leise.
Vielleicht auch, weil sie gute Fußballer sind. So gute, dass der Abstieg des Vereins nicht auch ihr persönlicher sein muss. Die Rosts und Grilics der Liga spielen für Cottbus und Duisburg – wohl oder übel, in guten und in schlechten Zeiten, in der ersten oder der zweiten Liga. Nürnbergs Beste werden erstklassig bleiben: Weil sie im Prinzip zu gut sind für die Zweite Liga. Es geht dabei gar nicht um einen Mangel an Willen – aber ein Antrieb im Existenzkampf muss ein beträchtliches fußballerisches Potenzial genau deshalb nicht sein.
Am Sonntag, nach dem Berliner Pokalfinale 2008, hat auch der 1. FC Nürnberg ein Endspiel. Ein allerletztes gegen Wolfsburg. Geht auch das verloren, ist eine Ära zu Ende. Eine wunderschön traurige Ära.
HansBöller |