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NÜRNBERG – Marek Mintal stand unter einem Fernseh-Bildschirm, darauf zu sehen war Marek Mintal. Zitternd am ganzen Körper. Vielleicht, weil er heftig nach Luft rang. Vielleicht, weil er weinte. Das konnte man nicht sehen, weil er sein Gesicht in den Rasen gepresst hatte. Für unendlich lange Sekunden; die Kameras zeigten einen bebenden Rücken in Großaufnahme. Nürnbergs Nummer elf. Die Szene lag eine Stunde zurück, es war die letzte im Spiel gegen Arminia Bielefeld. Wieder so ein Bild mit Symbolcharakter. Nürnbergs Bester, geschüttelt von Verzweiflung.
Marek Mintal schaut nicht auf den Bildschirm, er schaut eigentlich nirgendwo hin. Er spricht mit Journalisten, und als er gefragt wird, wie es jetzt alles weitergeht, sagt er erst einmal nichts. Marek Mintal muss zweimal schwer schlucken. Es sieht so aus, als ob er noch immer kämpft. «Im Fußball ist alles möglich«, sagt er dann tapfer – und schaut mit großen Augen in die Runde, so, als ob er hoffe, dass es ihm jemand bestätigt.
Betreten schweigende Journalisten
Die anderen sind längst gegangen. «Es ist fast kein Wort gefallen, alle wollten schnell nach Hause«, hatte Ivan Saenko aus der Team-Kabine berichtet. Es wirkte wie ein Abschied nicht nur von diesem Tag, und dass der kleine Russe geheult hatte, konnte man noch sehen. Aber Mintal, der die Öffentlichkeit auch in glücklichen Zeiten sonst lieber meidet, bleibt lange stehen vor betreten schweigenden Journalisten, und irgendwie hat man den Eindruck, sie warten jetzt gegenseitig auf Zuspruch. Wieder war ein Spiel vorüber, das so viel Hoffnung gemacht hatte. Wieder waren sie zerstoben, und Mintal, diese Nürnberger Symbolfigur in guten und in schlechten Zeiten, hatte sie wieder einmal im Zeitraffer erlebt. Ein frühes Führungstor, Mintals fünfter Saisontreffer nach Vorlage von Jan Koller, ein schönes Tor von Saenko, zwei jähe Gegentreffer – und diese letzte Minute, als Mintal den Ball direkt nahm.
Die Kugel prallte auf und schien sich im hohen Bogen hinter Bielefelds Keeper Rowen Fernandez ins Tor zu senken: Spätes Glück in Zeitlupe, Zehntausende hielten den Atem an – aber der Südafrikaner lenkte den Ball noch ab an die Latte, den Nachschuss verpasste Robert Vittek. Dann sanken Mintal und Vittek ins Gras und alle anderen und mit ihnen die Hoffnung, dieser Saison doch noch eine späte Wendung zum Guten geben zu können: Nürnbergs verzweifelter Abstiegskampf 2008, noch einmal komprimiert auf viereinhalb Sekunden.
Entwicklung der Mannschaft nicht zu erklären
Der Schiedsrichter pfiff ab. Sogar der harte Andi Wolf weinte, Javier Pinola auch. «Ich kann mir die Entwicklung unserer Mannschaft in dieser Saison nicht erklären«, sagte Ivan Saenko, nachdem wieder etwas geschehen war, was sich zur Pause niemand hatte vorstellen wollen. Eine 2:0-Führung verschenkt, sechs Tage nach dem erlösenden 1:0 über Wolfsburg: Dieser 1.FC Nürnberg macht sie alle ratlos – Trainer, Manager, Spieler, Journalisten. Und die Fans, die jetzt vorm Mannschaftsbus stehen und stumm ihre Fähnchen schwenken, obwohl es nichts zu feiern gibt: So, als wollten sie sich selbst noch ein wenig Mut machen nach diesem desillusionierenden 2:2.
«Sie hoffen, sie glauben an uns«, sagt Mintal, «wir sind Vorletzter, aber das Stadion ist ausverkauft – und dann vergeben wir zu Hause die Punkte, das ist einfach eine Katastrophe.« Mintal könnte jetzt auch gehen, die meisten der Journalisten schauen bloß noch auf ihre Blöcke. Mintal geht nicht. «Es tut jedem von uns persönlich weh«, sagt er, und: «Für mich ist es wichtig, diesem Verein zu helfen.«
Ansteckende Leidenschaft
So hätte es eine schöne Geschichte werden können. Sechs Punkte nach der Rückkehr von Marek Mintal, der wieder mit einer bis unters Tribünendach ansteckenden Leidenschaft für seinen Verein gespielt, gekämpft hatte. «Ich war sieben Mal auf der Bank, ich will zeigen, was ich wert sein kann«, sagt Mintal, «aber es geht nicht um meinen Namen – wir sind elf Spieler auf dem Platz, die bis zur letzten Sekunde alles versuchen müssen.«
Er meinte nicht diese letzte Sekunde gegen Bielefeld – diese Sekunde, die zu einer der vielen Schlüsselszenen eines siebten Nürnberger Abstiegs aus der Bundesliga werden könnte. Man wird es vielleicht erst am 17. Mai sicher wissen. Aber Marek Mintal wollte jetzt doch nicht gehen ohne die Hoffnung, dass noch einmal etwas passiert, was sich seit Samstag auch kaum noch jemand vorstellen kann. «Wir glauben an uns, solange es Hoffnung gibt«, sagte Mintal und wiederholte es so: «Auch wir glauben an uns.« Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Aber das Gefühl, dass die Zeit der schönen Geschichten jetzt endgültig vorbei ist, blieb zurück, als der Mannschaftbus abgefahren war.
Hans Böller |