NÜRNBERG - Der literarische Blick auf den Nationalsozialismus war in der letzten Zeit - angesichts des Romans «Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell, der die Sicht eines SS-Mannes schildert - Thema vieler Diskussionen. Nun wird das Panorama der Perspektiven durch den jungen australischen Autor Markus Zusak um eine weitere erweitert.
In dem ungewöhnlichen Jugendbuch «Die Bücherdiebin» erzählt weder ein Täter noch ein Opfer, sondern ein Dritter, den derartige Unterscheidungen gar nicht erst angehen. Der Erzähler dieses Buches nämlich ist der Tod höchstpersönlich. «Ihr werdet sterben», lautet der erste seiner Einschübe, die fein rankend verziert und dick und groß gedruckt das gesamte Buch durchsetzen.
Dass der Tod mit dieser forschen Erkenntnis die Geschichte des Mädchens Liesel Meminger einleitet, ist wohl eher dem Versuch geschuldet, nicht gleich am Anfang aus der furchterregenden Rolle zu fallen. In der Folge handelt es sich bei diesen Einschüben meist um Exkurse, Vorwegnahmen, Klarstellungen oder Listen, die in ironischem bis naivem Tonfall einen bürokratischen Duktus aufs Korn nehmen.
So erweist sich der Tod nicht als böse, sondern als so amoralisch, wie man ihn eben kennt. «Bitte glaubt mir», sagt er selbst, «Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben ‘A‘. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd.»
Und irgendwie ist er das dann doch: nett. Denn auf eine seltsame Weise berührt ihn die neunjährige Liesel, die er kennen lernt, als deren kleiner Bruder stirbt. Mit der Mutter waren die beiden im Zug nach München, zu Pflegeeltern, die wenigstens die Kinder der «Kommunistin» vor den Nazis bewahren sollen. Bei den Hubermanns in Molching kommt nur Liesel an - jedoch nicht alleine: In der Tasche hat sie das erste ihrer gestohlenen Bücher, «Das Handbuch für Totengräber», das einem Sargträger bei der Beerdigung ihres Bruders aus der Tasche gefallen war.
So beginnt - etwas unüblich womöglich - ihre Liebe zu den Buchstaben. Und da weder sie noch ihr neuer Vater Hans, der ihr das Lesen überhaupt erst beibringt, sich diese Liebe leisten können, muss Liesel die Bücher stehlen - erst aus dem Feuer der Nazis, später aus der Bibliothek der Bürgermeistergattin.
Ein Buch rettet ihr am Ende auch das Leben: Weil sie nachts im Keller liest, überlebt sie den Bombenangriff, dem nicht nur Hans und die Pflegemutter, die reichlich kernige Rosa, die ihre Liebsten gerne «Saumensch» nennt, zum Opfer fallen, sondern auch Liesels bester Freund. Der Jude Max dagegen, den die Hubermanns lange Monate in ihrem Keller versteckten und der mit Liesel las und für sie schrieb, überlebt den Krieg ebenfalls. Nicht nur dieses herzliche Eintreten für das Lesen, dieser offensive Glaube an die Macht der Worte erinnern an andere Jugendbücher dieser Tage. Auch die verspielte Sprache, die wechselvolle Erzählweise und die Mischung aus Bildern, Texten und Typografien sind der Oberfläche dieser Gattung durchweg eigen.
Was «Die Bücherdiebin» von «Harry Potter» und «Tintenherz» abhebt, ist jedoch nicht nur sein geschichtsträchtiges Thema, sondern es sind auch der Mut zur Gebrochenheit und der Sinn für Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen. «Ohne Worte wäre der Führer ein Niemand», erkennt Liesel irgendwann und zerreißt vor Wut ein Buch. «Ich wollte die Worte zum Schweigen bringen», erklärt sie später.
Naürlich kann Zerstörung keine Lösung sein. Es ist Max, der das Dilemma mit den Worten löst: Während seiner Zeit im Keller der Hubermanns übermalt er die Seiten von «Mein Kampf» mit weißer Farbe, um darauf anschließend eine Geschichte für Liesel zu schreiben. Eine Geschichte, die von «Überstehmännern» und Albträumen erzählt. Und von einem Mädchen, das viel las und überlebte.
Markus Zusak: Die Bücherdiebin. Roman aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Blanvalet/CBJ, München. 588 Seiten, 19,95 Euro.
Katrin Schuster |