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Explosive Leistung des Freilandtheaters |
| Premiere der Terroristenkomödie «Bombenstimmung» |
| Explosive Leistung des Freilandtheaters |
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BAD WINDSHEIM - Eine postgelbe Telefonzelle, daran angeschraubt ein Kaugummi- und ein Zigarettenautomat, mehr braucht es nicht, um auf dem Dorfplatz vor dem Kommunbrauhaus im Fränkischen Freilandmuseum die 70er-Jahre wiederauferstehen zu lassen. Es ist die Zeit der Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, die Anschläge der Baader/Meinhof-Bande und der RAF erschüttern die Republik, die Anti-Terror-Gesetze weiten die Befugnisse von Polizei und Verfassungsschutz deutlich aus. Nicht gerade ideale Rahmenbedingungen, um eine beschwingte Komödie auf die Bühne zu bringen. Regisseur und Autor Christian Laubert hat es dennoch gewagt und das Publikum goutierte seine Interpretation der Zeitgeschichte bei der Premiere von «Bombenstimmung» mit stehenden Ovationen.
Zum Video über die Probenarbeit geht es hier. Bilder vom Theaterabend gibt es in zwei Dia-Shows, hier geht es zum Teil I, hier geht es zum Teil II.
Meister der Andeutung
Bei der nunmehr fünften Produktion des Freilandtheaters geht Laubert auf den ersten Blick trotz des brisanten Themas, kein Risiko ein. Denn eigentlich geht es - fast wie im richtigen Leben - um die Irrungen und Wirrungen der Liebe und die Frage «Welches Tun ist richtig, welches ist falsch?» Es gibt also keine Auseinandersetzung über den angeblichen Klassenkampf des Proletariats, die sexuelle Revolution oder die Verdrängung der Gräuel der Nazizeit auf intellektuell hohem Niveau. Christian Laubert ist hier eher der Meister der Andeutung, setzt kleine Spitzen, baut auf den «Aha»-Effekt der Selbsterkenntnis beim Publikum.
Denkanstöße, ohne belehrend wirken zu wollen
Dieses wiederum kann sich bei der «Terroristenkomödie aus dem Franken», wie es im Untertitel heißt, einerseits köstlich amüsieren, andererseits in Erinnerungen schwelgen. Doch damit nicht genug. Laubert will natürlich auch Denkanstöße geben, ohne dabei belehrend zu wirken. Deshalb darf der alte Nazi-Kämpfer Friedrich Wilhelm Schnittke (mit traumwandlerischerer Sicherheit gespielt von Ekkehard Cramer) das «Horst-Wessel-Lied» über den Dorfplatz schmettern, auf das ihm die «rote Martha» (eine mit antifaschistisch-kommunistisch Liedgut perfekt ausgestattete Angelika Teufel) musikalisch die richtige Antwort erteilt.
In das pittoreske Dorfidyll bricht unversehens ein Quartett politisch aufgeheizter junger Menschen. Darunter ist Daniel Strifler, der mit seinen drei Kommilitonen Unterschlupf bei seinem Onkel Robert findet. Da die Vier einen terroristischen Anschlag auf die in der Nähe stationierten Hubschrauber der US-Armee planen, scheint die frühere Heimat des nach Berlin entflohenen Daniel Strifler, als perfekte Basisstation für den geplanten Schlag gegen die «imperialistische Besatzermacht».
Eiskalt und skrupellos
Daniel wird von Burkhard Scheckenbach überzeugend als junger Wilder gespielt, der im innersten seines Herzens bodenständig geblieben ist. Von ganz anderem Kaliber ist da schon Frieder Reimann, dem wortgewaltigen Anführer der Aktion. Johannes Gärtner gibt sich in der Rolle scheinbar eiskalt und skrupellos, nicht zuletzt gegenüber der im Vokabular des Klassenkampfes sattelfesten Brigitte Salomon (aggressiv und lasziv zugleich: Dorothea Schreiber) und dem intellektuell eher einfach gestrickten, aber handwerklich umso begabteren Joschi (Josef) Kuhn (glaubwürdig und mit viel Verve gespielt von Hartmut Lehnert).
Vorangetrieben wird die Handlung nicht allein durch große Gesten, sondern lebt vielmehr von den musikalischen Einschüben, den Auftritten der Kinder- und Jugendgruppen sowie den Geschichten in der Geschichte. Sei es der wortkarge Onkel Robert Strifler (Adrian Ils präsentiert die Nummer: Harte Schale, weicher Kern in Reinkultur) oder die Gattin des Bäckermeisters Elke Pflanzer (eine hinreißend-fränkische Heidelinde Bergmann), die Freilandtheatertruppe erweist sich ein weiteres Mal fein ausgesucht. Profi- und Amateurschauspieler agieren fast ohne erkennbare Leistungsunterschiede, ein weiterer Verdienst der intensiven Probenarbeit, die das Produktionsteam seit Monaten konsequent vorangetrieben hat.
Beeindruckendes Gesamtkunstwerk
Einer der Höhepunkte, der an sprachlichen, musikalischen und dramaturgischen Einfällen nur so sprudelnden Inszenierung, ist die verbale Verbrüderung des Alt-Nazis mit dem Anarchisten. Gleiche Wortwahl, bei völlig entgegengesetztem Weltbild, eine fein-glitzerndes Mosaiksteinchen im Gesamtkunstwerk «Bombenstimmung». Regisseur Christian Laubert scheut im Freilandmuseum die zeitkritische Analyse und verzichtet auf provokante politische Stellungnahmen. Dennoch hat er alles richtig gemacht. Allein dies verdient größten Respekt.
Matthias Oberth |
| 13.7.2008 17:45 MEZ |
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