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Selbst Henry Kissinger hat jetzt Zeit für Steinmeier |
| Bei seinem USA-Besuch erhält der Außenminister mehr Aufmerksamkeit |
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NEW YORK - Irgendetwas ist anders. Aber beim Namen nennen lässt sich das nur sehr schwer. Versuchen wir es deswegen mit einer Beschreibung des Sachverhalts: Mit wem auch immer sich Frank-Walter Steinmeier im Laufe dieser Woche in New York traf, der hatte so einen ganz besonderen Blick auf den Außenminister. Und sei es auch nur für Sekunden. Man konnte sich genau denken, was im Kopf des Gesprächspartners vorging: «Das also ist vielleicht der Mann, der ab nächstem Jahr Deutschland regiert.«
Es dürfte unter den 192 Mitgliedern der Vereinten Nationen nur wenige abgelegene Insel-, Berg- und Wüstenstaaten geben, deren Diplomaten die Nachricht aus Germany entgangen ist. Dass seine Beförderung zum Kanzlerkandidaten die Welt dermaßen interessiert, das hat sogar Steinmeier selbst überrascht. Oft wurde er auch direkt darauf angesprochen, etwa von Polens Außenminister Radoslaw Sikorski.
20 Minuten mit chinesischer Delegation im Lift festgesteckt
Unnahbar verhielt sich nur eine Delegation aus China, mit der der deutsche Vizekanzler wegen einer technischen Panne rund 20 Minuten im Aufzug des Nobelhotels Waldorf Astoria stecken blieb. Das Schweigen hatte aber weniger mit Verwerfungen in der großen Weltpolitik zu tun, sondern eher damit, dass die rangniedrigen Diplomaten aus China den Mitgefangenen nicht als Promi erkannten.
Umso dankbarer darf Steinmeier einem Börsenmakler an der Wall Street sein. Der fackelte nicht lange, als er an der Fassade seines Arbeitsplatzes eine schwarz-rot-goldene Flagge hängen sah. «Oh, the German Chancellor«, begrüßte er den Deutschen - vernachlässigte aber einen langen und harten Wahlkampf.
Seine US-Kollegin Condoleezza Rice gratulierte natürlich auch, als er sie kurz traf. Oder sollte man eher sagen, sie kondolierte? Gehört sie doch selbst einer Regierung an, deren Ansehen in der Bevölkerung immer tiefer gesunken ist und die jetzt verzweifelt gegen die größte Finanzkrise nach dem Schwarzen Freitag kämpft. Sie kennt also den Aufstieg ebenso wie den Abstieg.
Langes Gespräch
Besondere Aufmerksamkeit erhält der deutsche Außenminister im vornehmen «Levin Institute« der Universität New York. Hier, hinter einer Backsteinfassade an der 55. Straße, diskutiert er eineinhalb Stunden mit zwei der erfahrensten Füchse der amerikanischen Politik: Ex-Außenminister Henry Kissinger (85) und Ex-Sicherheitsberater Brent Scowcroft (83). Steinmeier (52) könnte locker ihr Sohn sein. Ein junger Mann also in den Augen der beiden Alt-Republikaner - und zudem ein Sozi. Kein leichtes Gespräch, könnte man vermuten.
Doch Henry Kissinger hegt nur gute Absichten mit dem Gast aus Deutschland, seiner alten Heimat. Nachdem Steinmeier einen kurzen Einführungsvortrag gehalten hat, sagt der 85-Jährige mit seiner rauen, immer noch etwas fränkisch klingenden Stimme: «Jetzt hat er uns in sechs Minuten erklärt, wie er die Welt rettet. Ich frage mich, was er in der restlichen Zeit macht.« Das ist ebenso spöttisch wie liebevoll gemeint.
Nur wenige Termine waren zum Lachen
Im Laufe des Abends, als das Elend der Nahrungsmittel- und Wasserversorgung, der Finanzkrise und der Abrüstung halbwegs durchkonjugiert ist, rutscht es Kissinger heraus. Er wisse gar nicht, warum Leute wie Steinmeier überhaupt in Regierungsverantwortung drängen, wo doch die Lage so schwierig sei. Da lacht der Deutsche herzhaft. Vielleicht zum ersten Mal an diesem Tag. Denn von seinen bis dahin 16 Terminen waren die wenigsten zum Lachen.
Mit dem russischen Kollegen hat er sich zum Beispiel getroffen und dabei erkennen müssen, dass die Krise zwischen Moskau und USA/EU noch längst nicht ausgestanden ist. Ja, dass im Grunde sogar immer noch der Ansatz zu einer Lösung fehlt.
Rede vor der Uno
Die Woche in New York gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Außenministers. Auch eine Rede vor den Völkern wird er halten - zu einer undankbaren Zeit allerdings. Kurz nach Mitternacht, zwischen Freitag und Samstag, wenn in Deutschland alles schläft und keine Grundsatzreferate hören will, wird sich Steinmeier von seinem Platz zwischen Ghana und Georgien (wegen «Germany«) erheben und ans Mikrofon treten. Er wird das tun, was er am besten kann, nämlich auf Ost und West, auf Nord und Süd gleichermaßen einreden, endlich wieder einen Kurs der Verständigung einzuschlagen. Ähnlich versöhnlich, da muss man kein Hellseher sein, wird auch der Wahlkampf des Mister Steinmeier in Deutschland ausfallen. Für den Rest hat er ja seinen kämpferischen Parteichef Franz Müntefering. Der eine für die Uno, der andere für Unna.
Harald Baumer |
| 26.9.2008 |
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