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VENEDIG - Die in Bamberg lebende Schriftstellerin und Slam-Poetin Nora Gomringer (Jahrgang 1980) verbringt die Weihnachtszeit als Stipendiatin im Deutschen Studienzentrum in Nürnbergs Partnerstadt Venedig. Für uns hat sie ein paar Reise-Impressionen aufgeschrieben.
Ich kann nicht sagen, dass ich Venedig verstünde. Für ein Verstehen fehlt mir der Blick, die Orientierung, vielleicht der Wille, ganz sicher die Zeit. Ein Monat ist knapp. Nur eine Mondphase, um dem Wasser nahezukommen und wieder zu trocknen. Ein Sechstant nutzt hier, ein Stadtplan weicht bei Regen schnell auf und irritiert nur. «Sichverirren ist der einzige Ort, der anzusteuern sich lohnt.« Dieser Satz stammt von dem venezianischen Autor Tiziano Scarpa. In seinem Buch «Venedig ist ein Fisch« beschreibt er die Folgen eines Aufenthaltes in der Wasserstadt für Körper und Seele.
Blutkörperchen in einem Strom
In Venedig ist man ein Blutkörperchen in einem Strom aus Gassen, Straßen, durch die man fließt, gepulst durch den Schlag, dem das große Herz der Stadt folgt. Hier ist alles etwas anders. Ministerien und Ämter haben keine Parkplätze, sie haben Bootsanlegestellen. Alle Löwen sind geflügelt, Landtiere, die sich nur eine Weile hier aufhalten wollen. Gut, dass das Wahrzeichen so hoch auf einer Säule am Markusplatz steht – derzeit würden seine Pranken dauerhaft nass sein und Flügel ihm beim Abflug in trockenere Gefilde sicher behilflich sein.
Bei der Abendvesper in San Marco treffe ich einen jungen Mann aus Frankfurt, der hier studiert und mir erzählt – natürlich im Flüsterton! –, wie er morgens barfuß in der Uni ankommt und erst dort, wo die Stadt etwas höher liegt, Socken und Schuhe anzieht. Ja, Gummistiefel muss man haben! Die Vielfalt ist beeindruckend. Es gibt Stiefel mit psychedelischen Mustern, schwarze oder olivfarbene Klassiker, Tigerfellimitatlook, Glitzerglamour, Camouflage – alles erhältlich, alles nützlich bei acqua alta, das bei 1,10 Meter liegt und durch eine gespenstisch wabernde Sirene abendlich angekündigt wird.
Dabei entspricht die Höhe des Wassers der Anzahl der gespielten Töne: drei waren es heute Abend, das macht 1,30 Meter. Das Salzwasser spült Abfall in die engen Gassen und spät nachts sieht man Ratten, die man mittlerweile auch auf T-Shirts mit Sprüchen wie «Venedig bei Nacht« findet.
Eine Leiche in der Lagune
Ich schicke meiner Freundin ein Foto von einer Möwe auf unserer Terrasse. Sie ist verwirrt und fragt, ob Möwen Erdbeeren fressen.
Möwen haben das. So einen roten Fleck an der Spitze und dort meist an der Unterseite ihrer Schnäbel. Und sie sind laut und verfressen und machen überall hin. Besagter San- Marco-Löwe hat Stacheln auf dem Rücken, um sie sich vom Leib zu halten. In der Stadt beobachtet man Spaltungen: die Einheimischen und die Touristen, die Möwen und die Tauben. Beide Gruppen, die menschliche und die tierische sind sich nicht wohlgesonnen. Querelen gibt es untereinander und gegeneinander. Und genug Ecken, um sich einfach verschwinden zu lassen, gibt es auch.
Prostituierte in «Venezianischem Blond«
Hier wird gemordet, was das Zeug hält, weil’s ja keiner erfährt. Eine Leiche ist schnell in die Lagune hinaus geschwemmt. Gerade bei acqua alta. So die Haltung der Krimiautoren. In dem Palazzo Barbarigo della Terrazza, meinem Dezemberheim, haben sich Prostituierte die Haare auf der stattlichen Terrasse zum berühmten «venezianischen Blond« gebleicht. Rainer Maria Rilke und August Graf von Platen haben die Gemäldesammlung in etwa hundertjährigem Abstand gelobt. Die ist heute allerdings in der Eremitage in Sankt Petersburg zu bewundern.
Und was gibt es Neues in La Serenissima? Wir Palazzo-Bewohner dürfen uns Nachbarn des Fernseh- und Buch-Commissarios Brunetti nennen, den die Autorin Donna Leon durch Venedigs Wasser-Straßen schickt, um die erwähnten Mordfälle, die hier so scheinbar beiläufig passieren, aufzuklären. Der Commissario wohnt, laut Drehbuch, im Nachbarhaus. Ich sehe ihm beinahe ins Wohnzimmer. Auch er hat einen Weihnachtsbaum. Das aber erst seit dem 13., dem Fest der Heiligen Lucia, das ganz traditionell die italienische Weihnachtszeit einleitet, die bis zum Epiphaniastag andauert und mit Geschenken der Befana-Hexe abgeschlossen wird. Den guten Kindern bringt sie Süßigkeiten, den bösen Holzkohle in einem Strumpf. Wer übrigens rote Unterwäsche zwischen den Jahren trägt, kann sich vor allen bösen Einflüssen des nächsten Jahres schützen.
Was wünsche ich mir also? Natürlich rote Strümpfe in die Gummistiefel!
Von Nora Gomringer ist soeben der Gedichtband «Klimaforschung« im Dresdener Verlag Voland & Quist erschienen (96 Seiten, mit CD, 14,90 Euro).
Nora Gomringer |